Am 22. Januar 2023, aus Anlass des 60. Jahrestags der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, sprach der französische Staatspräsident Emmanuel Macron von einem „Gründungsakt“: „An diesem Tag beschlossen unsere beiden Länder, die einst erbitterte Feinde waren, engste Verbündete zu werden“. Macron griff damit genau die Worte auf, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer seit der gemeinsamen Messe in Reims am 8. Juli 1962 immer wieder verwendet hatten, nämlich dass Frankreich und Deutschland damals „ihre Versöhnung besiegelt“ hätten. Die „Erbfeinde“ seien zu „Erbfreunden“ geworden.
Dieser Mythos der Versöhnung bekräftigt implizit den Vorrang des politischen Handelns. Er trägt auch dazu bei, die zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Initiativen, die lange vor 1963 zur Annäherung beigetragen hatten, auszublenden. Schließlich löst er die deutsch-französischen Beziehungen aus ihrem internationalen Kontext – dem europäischen Einigungsprozess und dem Kalten Krieg – und verschweigt die Existenz der DDR.
Der Kalte Krieg war ein starker Beschleuniger der deutsch-französischen Annäherung innerhalb der westlichen Welt. Die dadurch entstandene Bipolarisierung führte zu einer Verkürzung der Besatzungszeit mit der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949. Paris, das zunächst gehofft hatte, die Rolle eines Vermittlers zwischen Moskau auf der einen sowie Washington und London auf der anderen Seite zu spielen, erkannte 1946/47, dass diese Situation unhaltbar war, und schloss sich schließlich der Idee der Gründung eines westdeutschen Teilstaates an.
Die Anfänge der europäischen Integration, die eng mit dem Kalten Krieg und der Notwendigkeit des Wiederaufbaus des Kontinents nach dem Krieg verbunden waren, erleichterten auch die bilaterale Annäherung. Die (west-)europäischen Partner wie auch die Amerikaner waren der Überzeugung, dass es ohne eine „deutsch-französische Partnerschaft“ kein Europa geben würde. In seiner Rede in Zürich am 19. September 1946 bekräftigte Winston Churchill, dass diese „Partnerschaft“ die Voraussetzung für Frieden und Freiheit in Europa sei.
„Schuman-Plan“ wird zur Initialzündung
Am 9. Mai 1950 stellte der französische Außenminister Robert Schuman seinen „Plan“ vor, der zur Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl führen sollte und eine gemeinsame Nutzung und gegenseitige Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion zwischen den sechs europäischen Partnern vorsah. Der „Schuman-Plan“ war ein wichtiger Meilenstein beim Aufbau Europas. Es begann also nicht alles mit de Gaulle und Adenauer.
Die bilaterale Annäherung war jedoch nicht nur das Ergebnis der internationalen Konjunktur und des Drucks externer Kräfte. Bereits nach Kriegsende, während der französischen Besatzung Deutschlands, zeichnete sich eine neue politische, kulturelle und mentale Haltung ab. Die französischen Eliten waren sich bewusst, dass sie die Fehler von Versailles 1919 („Deutschland wird zahlen“) nicht wiederholen durften, wenn sie dauerhaften Frieden mit dem Nachbarn erreichen wollten.





