Am 22. Januar 2023, aus Anlass des 60. Jahrestags der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, sprach der französische Staatspräsident Emmanuel Macron von einem „Gründungsakt“: „An diesem Tag beschlossen unsere beiden Länder, die einst erbitterte Feinde waren, engste Verbündete zu werden“. Macron griff damit genau die Worte auf, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer seit der gemeinsamen Messe in Reims am 8. Juli 1962 immer wieder verwendet hatten, nämlich dass Frankreich und Deutschland damals „ihre Versöhnung besiegelt“ hätten. Die „Erbfeinde“ seien zu „Erbfreunden“ geworden.
Dieser Mythos der Versöhnung bekräftigt implizit den Vorrang des politischen Handelns. Er trägt auch dazu bei, die zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Initiativen, die lange vor 1963 zur Annäherung beigetragen hatten, auszublenden. Schließlich löst er die deutsch-französischen Beziehungen aus ihrem internationalen Kontext – dem europäischen Einigungsprozess und dem Kalten Krieg – und verschweigt die Existenz der DDR.





