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Aus Stuttgart in die Neue Welt

Aus Stuttgart in die Neue Welt

An einem Maiabend des Jahres 1847 gerät der 27-jährige Schriftsetzer Karl Herzog in Stuttgart in Unruhen, die ihre Ursache in Hungersnot und wirtschaftlichem Elend, aber auch im Gären dessen haben, was sich ein Jahr darauf in der 1848er-Revolution Bahn brechen wird. Der „Brodaufstand“ wird vom Militär des Königs von…
14. Januar 2026
Lesezeit
3 Minuten

Ein Sprung in die Gegenwart: Beim Aufräumen seiner Garage findet der Vater des Autors und Hörfunkjournalisten Udo Zindel in einem alten Koffer vergilbte Briefe. Es sind die Berichte, die Karl und Friedrich Herzog an die Familie daheim in Stuttgart aus der Neuen Welt geschickt haben. Für Zindel und seinen Vater beginnen Monate der Recherche, an deren Ende eine Reise zu den Wegmarken zweier Auswandererschicksale in einer der dramatischsten Phasen der US-amerikanischen Geschichte steht: den Jahren, in denen das Land auf den Bürgerkrieg zusteuert.

Das Buch, das daraus entstanden ist, kann man getrost als „Großes Kino“ bezeichnen. Mit seiner Sprachgewalt lässt Zindel die Epoche ebenso wie seine entfernten Vorfahren lebendig werden. Man vermeint, den Duft der blühenden Kakteen in der Wüste Südkaliforniens zu verspüren, die Erleichterung bei einem Gewitter über dem schwül-stickigen New Orleans – aber auch den Gestank an Bord überfüllter Auswandererschiffe oder den Odor von einer bei drückender Hitze durch die Wüste marschierenden Armeekolonne. Denn Karl kann nur vorübergehend in seinem alten Beruf arbeiten, mehrfach verdingt er sich beim Militär. Friedrich, gelernter Gärtner, übt immerhin nach mehreren Stationen seinen Beruf in New Orleans aus.

Den Segmenten zweier zeittypischer Schicksale stehen die Erlebnisse der beiden Reisenden in den heutigen USA gegenüber. Beides sind keine ungetrübten Erzählungen. Denn Karl und Friedrich, die nur kurzzeitig einmal zusammenkommen und sich einander ansonsten über Hunderte, wenn nicht Tausende von Meilen Briefe schreiben (auf deren Inhalt Zindel aus der Korrespondenz mit der Stuttgarter Familie schließen kann), erleben keine amerikanische Erfolgsgeschichte. Kaum jemals sind sie wirtschaftlich gesichert, vielmehr erleben sie die Ausbeutung von Arbeitskraft als Grundlage des Kapitalismus am eigenen Leib. Und werden Zeuge, dass es anderen noch viel schlechter geht: den Menschen dunkler Hautfarbe, die als Sklaven gehalten werden, und den Indigenen, die erbarmungslos – man kann es kaum anders nennen – ausgerottet werden. Im Amerika von heute wiederum stoßen Zindel und sein Vater auf offene, gastfreundliche Menschen – und auf verrottete, von Kriminalität geplagte Innenstädte.

Als Leser fiebert man mit Karl und Friedrich, spürt ihre Sehnsucht nach der schwäbischen Heimat. Es gibt kein Happy End. Friedrich stirbt an dem in New Orleans endemischen Gelbfieber. Karl, wieder einmal in Uniform, marschiert durch die Wüste Südkaliforniens, von den im Soldatenleben fast obligatorischen Bordellbesuchen an Syphilis und Tripper erkrankt. In der Nacht auf den 4. Mai 1862 verlässt er seine Einheit. Niemals wieder findet sich von ihm eine Spur. Vergessen ist sein Schicksal – stellvertretend für viele, die kein Glück im verheißenen Land fanden – dank Zindels packenden Buchs nun nicht mehr.

Rezension: Dr. Dr. Ronald D. Gerste

Udo Zindel
Heiß ersehntes Amerika
Auf den Fährten zweier Auswanderer
Osburg Verlag, Hamburg 2024, 472 Seiten, € 30,–

FriedrichKarlRezensionZindel

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