Das Augustiner-Chorherrenstift Kaltenborn bei Allstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz war einst eines der wohlhabendsten Klöster im Umland des Harzes. Das katholische Männerkloster wurde 1118 gegründet und war vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit bewohnt. Gut 420 Jahre lang war es nicht nur religiöses, sondern auch wirtschaftliches Zentrum seiner Region. Im Jahr 1525, im Zuge des Deutschen Bauernkriegs und der Reformation, wurde die Anlage allerdings geplündert und zerstört, sodass sie heute verschwunden ist. Seit zwei Jahren graben nun Archäologen um Felix Biermann vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt nach unter der Erde verborgenen Überresten dieser ausgedehnten Klosteranlage.
Dabei hat das Archäologenteam bereits die überraschend gut erhaltenen Ruinen der einstigen Klosterkirche und der anschließenden Klausur freigelegt, einschließlich eines Altarsockels mit Podest und Stufenanlage im südlichen Seitenschiff der Kirche. Erste Analysen legten nahe, dass sich der Kirchenkomplex einst innerhalb eines rechteckigen, 140 mal 200 Meter großen Wirtschaftshofs befand, der von einer Mauer umgeben war und diverse weitere Gebäude umfasste. Die Forschenden vermuten dort Ställe und Scheunen, verschiedene Werkstätten und Verwaltungsgebäude, ein Gästehaus, eine Schule sowie ein Hospital. Bei ihren jüngsten Ausgrabungen, die noch bis zum 12. September 2025 dauern werden, widmeten sich die Archäologen erstmals auch diesen Wirtschaftsbereichen, denen das Kloster seinen Reichtum verdankte.

Weitere Gebäude der Klosteranlage enthüllt
Tatsächlich fanden Biermann und seine Kollegen zahlreiche Steine, die von den massiven Steingebäuden des Wirtschaftshofs stammen, darunter mächtige Fundamente, Fußböden, Trümmerschichten und Keller. Dabei kam unter anderem ein 30 Meter langes, dreischiffiges Gebäude mit sehr starken Mauern ans Tageslicht. Es diente den Mönchen vermutlich als Zehntscheune, in der sie die Zwangsabgaben der Bauern aus der Umgebung lagerten. Das waren meist Lebensmittel wie Getreide, aber auch andere nützliche Dinge. Im ausgebrochenen Fundament dieses Gebäudes entdeckte das Team ein menschliches Skelett in Seitenlage und ohne Kopf. Wer der mysteriöse Tote war, wann und warum er an dieser ungewöhnlichen Stelle niedergelegt wurde, ist jedoch noch unklar und soll weiter untersucht werden.
Bei einem anderen freigelegten Bauwerk könnte es sich um eine ehemalige Schmiede handeln, wie die darin gefundenen Gegenstände nahelegen. Die Archäologen stießen dort auf ein halbes Dutzend Lehmkuppelöfen und Teile einer Glockengussanlage. Damit ließ sich einst Buntmetall wie Kupfer, Zinn, Messing oder Bronze schmelzen und verarbeiten. Biermann und seine Kollegen vermuten daher, dass in dieser Klosterschmiede eine Glocke für die benachbarte Stiftskirche gegossen wurde. In einem anderen Bauwerk fand das Team drei Schreibgriffel aus Buntmetall, die teilweise reich verziert waren und aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammen. Mit ihnen machten die Klosterbewohner vermutlich Notizen auf Wachstafeln. Diese Funde legen nahe, dass es sich bei dem Gebäude um eine Kanzlei oder ein anderes Verwaltungsgebäude des Klosters handelte.
Alltagsgegenstände zeugen vom Klosterleben
Darüber hinaus fanden die Archäologen zahlreiche Gegenstände, die vom klösterlichen Leben zeugen. In einem Ofen lagen beispielsweise komplett verkohlte Dörrpflaumen, die belegen, dass in dem Kloster Trockenobst zubereitet wurde. Zerschlagenes Tongeschirr sowie Ofenkacheln zeugen generell von der Küchenausstattung und Geräte wie Beile, Hacken und eine Mistgabel von landwirtschaftlicher Arbeit. Ein Spinnwirtel von einer Spindel belegt, dass die Klosterbewohner per Hand Garn gesponnen haben. Darüber hinaus förderten die Ausgrabungen viele Münzen, reich verzierte Beschläge von Gürteln und Messerscheiden, Fensterglas, eine rosettenförmige Stuckdekoration sowie zahlreiche Buchbeschläge zutage. Diese Gegenstände zeugen von einem gehobenen Lebensstil und einem facettenreichen Alltagsleben im Kloster. Einige von ihnen könnten direkt vor Ort hergestellt worden sein, etwa in der freigelegten Schmiede.
Dieses klösterliche Leben fand jedoch offenbar im Frühjahr des Jahres 1525 ein abruptes Ende. Bei den Umbrüchen während der blutigen Bauernkriege, als die arme Bevölkerung gegen die religiöse und adelige Elite aufbegehrte, wurde das Kloster geplündert und anschließend niedergebrannt. Erkennbar ist das noch heute an den deutlichen Brandschichten auf den nun ausgegrabenen Gebäuderesten des Wirtschaftshofs, wie die Forschenden erklären. Sie haben auch Dachbalken und Dachziegel gefunden, die bei dem Brand heruntergebrochen waren. Wer genau für diese Zerstörung verantwortlich war, ist noch unklar. Es könnten Bauern aus den umliegenden Orten Riestedt und Emseloh gewesen sein, die das Kloster am 30. April 1525 angriffen, wie historische Dokumente beschreiben. Oder es waren Söldner, die das Kloster am 4. April 1525 attackierten und dabei 14 Ställe und zwei Scheunen anzündeten.
Das Kloster am “Kalten Born” – Die Wiederentdeckung des Augustiner-Chorherrenstifts bei Allstedt. © Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte





