Die DNA der archäologischen Skelette belegt eine dunklere Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen der vorgeschichtlichen, europäischen Bevölkerung. Dies sei besonders deshalb bemerkenswert, so die Paläogenetikerin Sandra Wilde, „da die menschliche Evolution über Jahrhundertausende eigentlich einen dunklen Phänotyp geprägt hatte. Alle unsere frühen Vorfahren waren dunkel“. Dies änderte sich erst, als der Mensch vor etwa 50.000 Jahren begann, die nördliche Hemisphäre zu besiedeln und damit der Prozess der sogenannten positiven Selektion einsetzte, der die heute in Europa vorherrschende Vielfalt an Haut-, Haar- und Augenfarben bedingte.
Die Forscher nehmen an, dass die verminderte Sonneneinstrahlung im Norden der Grund für den phänotypischen Anpassungsprozess war. „Die meisten Menschen generieren Vitamin D über die Haut infolge von UV-Exposition. In den nördlichen Breiten wäre das mit dunkler Haut aber weniger effizient gewesen. Da die Menschen hier auch weniger Vitamin D mit der Nahrung aufnehmen, war hellere Haut die vielleicht beste Option“, erläutert Mark Thomas vom University College London. Die Veränderung der Haar- und Augenfarbe hingegen lässt sich möglicherweise auf das Phänomen der „sexuellen Selektion“, also die selektive Partnerwahl, zurückführen, das im Tierreich durchaus üblich ist und vielleicht auch die treibende Kraft der Evolution des Menschen in den letzten Jahrtausenden war.
Dass sich das Aussehen der europäischen Bevölkerung noch in den letzten Jahrtausenden aufgrund von Selektion so stark veränderte, war für die Wissenschaftler eine Überraschung. „Eigentlich wollten wir die Variabilität im Genom des Menschen durch räumliche und zeitliche Dynamiken von Bevölkerungen, etwa durch Migration, erklären. Positive Selektion im engeren Sinne halten wir für eine Ausnahme“, so der Seniorautor der Studie, Joachim Burger. Auch ist der Begriff der ‚positiven Selektion‘ missverständlich. Nicht alles, was selektiert ist, sei gut und ausschließlich vorteilhaft, meint Burger. „Gerade die durch Partnerwahl hergebrachten Merkmale sind häufig kulturell geprägt und damit eher Geschmackssache denn Anpassung an die Umwelt“.
Die für das Projekt untersuchten Skelette der Jamnaja-Kultur stammen aus der Steppenzone zwischen dem Fluss Ural und den östlichen Karpaten und datieren zwischen 5.100 und 4.400 vor Christus.





