Am 15. März 1938 hielt Adolf Hitler seine berühmt-berüchtigte „Anschluss”-Rede. Und zwar auf jenem Balkon am Wiener Heldenplatz, unter dem sich heute der Haupteingang zur Österreichischen Nationalbibliothek befindet. Der Fotograf Herbert Glöckler befand sich damals inmitten der Menge, er hatte die zum „Hitlergruß” ausgestreckten Hände direkt vor seinem Objektiv. Sein Foto – es ist das Plakatmotiv von „Nacht über Österreich” – erweckt den Anschein, als befände sich der Bildbetrachter auf Augenhöhe mit den begeisterten Anhängern Hitlers. Es zählt zu jenen verstörenden Fotografien dieser Ausstellung, die den „Anschluss” aus der selten gesehenen Perspektive der jubelnden Menge zeigen. 250.000 Menschen hörten an diesem 15. März ihrem neuen Führer zu, wie er mit sich überschlagender Stimme „den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich” verkündete.
Ein dokumentarisch anmutender Wochenschau-Bericht zeugt in „Nacht über Österreich” von den hochgepeitschten Emotionen, aber auch von einer durchinszenierten Massenveranstaltung der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie. Eine Propaganda, die zum Ziel hatte, den „Anschluss” als eine freiwillige Volksbewegung von unten darzustellen. Zeitgeschichtliche Hintergünde wie die innenpolitischen Krisen der Ersten Republik, der politische Druck Deutschlands oder Versuche, die Eigenständigkeit Österreichs zu bewahren, kamen in der medialen Inszenierung des „Anschlusses” selbstverständlich nicht vor. Ein bewusster blinder Fleck der nationalsozialistischen Propaganda, der durch Presse- und Dokumentarfotografien aus der Zeit von 1918 bis 1938 in der Ausstellung schlaglichtartig sichtbar gemacht wird.
Die Anschlusspropaganda veränderte Österreich. Hakenkreuzfahnen, Hitlerbilder, Plakate und Parolen sowie eine gleichgeschaltete Presse schufen eine allgegenwärtige Sichtbarkeit des neuen Regimes. Im Vorfeld der für den 10. April angesetzten Volksabstimmung, die den Einmarsch Hitlers legitimieren sollte, wurden allein in Wien 120 Wahlveranstaltungen abgehalten und in ganz Österreich mehr als 12 Millionen Reichsmark (ca. 53 Millionen Euro) für Wahlwerbung ausgegeben. Auch viele KünstlerInnen beteiligten sich an der Propaganda mit Bekenntnissen, Lobgedichten oder Huldigungskompositionen. Die Propagandaschlacht hatte Erfolg: 99,73 Prozent stimmten für den „Anschluss”. Doch acht Prozent der Wahlberechtigten hatten keine Stimme: Jüdinnen und Juden, sogenannte „Mischlinge” und politisch Inhaftierte.
Unmittelbar nach dem „Anschluss” begannen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Österreichs. Jüdinnen und Juden wurden öffentlich beschimpft, Geschäfte mit dem Davidstern bemalt, es kam zu Plünderungen, Beschädigungen und Raub von jüdischem Eigentum. Die Kamera war oftmals Teil dieser Demütigungen, die gezielt für den Fotografen in Szene gesetzt wurden. Albert Hilschers Foto eines Jugendlichen, der von einem zufrieden grinsenden SA-Mann gezwungen wird, das Wort „Jud” an eine Hauswand zu schreiben, ist eines dieser erschütternden Bilddokumente der Ausstellung. Wer konnte, wagte die Flucht. „Nacht über Österreich” zeichnet anhand einzigartiger Originaldokumente 15 exemplarische Wege ins Exil detailliert nach. Elazar Benyoëtz, Käthe Braun-Prager, Dol und Robert Dauber, Albert Drach, Bruno Frei, Egon Friedell, Erich Fried, Hans Gál, Erich Wolfgang Korngold, Robert Neumann, Hertha Pauli, Adolf Placzek, Soshana, Egon Wellesz und Berta Zuckerkandl – diese jüdischen MusikerInnen, SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen stehen für die vielen anderen, die fliehen konnten, deren Einzelschicksale aber kaum mehr rekonstruierbar sind. Für alle von ihnen war der „Anschluss” ein traumatisches Erlebnis. „Kalt wurde es mir, und ich bekam furchtbare Angst”, erinnert sich die damals elfjährige Soshana an den Anblick Hitlers und der fanatisierten Massen. Diese Kälte sollte sie ein Leben lang begleiten: Auf ihrer Flucht und späteren Reisen hatte sie stets mehrere Wolldecken bei sich. Ihre erhalten gebliebenen Kinderzeichnungen von 1938 zeigen auf erschreckende Weise, wie die Angst vor Hitler ihre Kindheit bestimmte. Flucht bedeutete Rettung, aber auch Verlust: von Eigentum, Heimat und von geliebten Menschen. Entsetzt schreibt der 17-jährige Erich Fried 1938 im Londoner Exil in das Familienalbum: „Vater tot, Mutter im Kerker und ich im nebligen England / Großmama blind in Wien, rechtlos, arm, alt, gejagt / Seht, das ist Hitlers Werk, das ist das neue Jahrhundert”. Frieds Albumeintrag ist in „Nacht über Österreich” ebenso nachzulesen wie der naiv anmutende Tagebucheintrag des späteren Architekturhistorikers Adolf Placzek, der kurz vor dem „Anschluss” noch mit seiner Freundin den Opernball besuchte: „Nur einen Wunsch: diese Frau zu heiraten” – erst bei den Vorbereitungen zu seiner Flucht wird ihm bewusst, dass er sie nie wiedersehen wird. Die ausgestellten Opernballkarten hat er sein Leben lang aufbewahrt.





