Anfang des Jahres 1986 zeigten die Proteste der Bevölkerung in Haiti Wirkung: Das Regime von Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier war am Ende. Die Dynastie der Duvaliers hatte sich das Land seit 1957 mit Staatsterror und Korruption unterworfen.
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In der Nacht vom 6. auf den 7. Februar 1986 waren Schaulustige am Flughafen der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince zusammengeströmt. Gerüchte hatten sie auf den Plan gerufen – oder vage Hinweise aus der US-amerikanischen Botschaft. Gegenstand ihrer Neugierde war ein amerikanisches Flugzeug, das um 2 Uhr eingetroffen war und nun bereits seit zwei Stunden mit laufenden Motoren auf dem Rollfeld stand.
Dann geriet Bewegung in die wartende Menge. Eine Autokolonne näherte sich. Journalisten, die auf die Straße liefen, um bessere Bilder machen zu können, erkannten am Steuer des vorderen Wagens den haitianischen Machthaber Jean-Claude Duvalier (1951–2014), genannt Baby-Doc; auf dem Beifahrersitz des silbergrauen BMW saß seine Gattin Michèle. In weiteren Autos brauste sein Gefolge vorbei. Die Fahrzeuge fuhren über das Rollfeld und hielten bei dem bereitstehenden Flugzeug. Wenig später befanden sich die Duvaliers und ihr Hofstaat an Bord, das Flugzeug hob ab und trug sie ihrem Exil entgegen, das vorläufig Frankreich hieß. Als die Menschen von der Neuigkeit erfuhren und sich im ganzen Land Begeisterung Bahn brach, ahnten sicherlich nur Pessimisten, wie wenig sich in den nächsten Jahren ändern sollte.
Die Diktatur der Duvaliers war nicht aus heiterem Himmel gekommen. Tatsächlich reihte sich seit dem erfolgreichen Aufstand der Plantagensklaven infolge der Französischen Revolution und der Unabhängigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts eine Alleinherrschaft an die nächste. Auch die Armut, die das Haiti der Duvaliers ganz besonders prägte, war schon früh angelegt, denn Frankreich ließ sich die Anerkennung des unabhängigen Haiti 1825 teuer bezahlen – eine Verschuldung, der Haiti nie wieder entkommen sollte, nahm hier ihren Anfang. Das Gleiche gilt für die Spaltung des Landes in schwarze Unter- und Mittelschicht auf der einen Seite und die Nachfahren europäischer Plantagenbesitzer gemischter Herkunft, die eine privilegierte gesellschaftliche Stellung einnahmen und in Haiti als „mulattische Elite“ bezeichnet wurden, auf der anderen.
Anfang des 20. Jahrhunderts griffen zunehmend auch die USA in die haitianische Politik ein – nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern um europäische Einmischungen in dieser geostrategisch wertvollen Lage zu vermeiden. Das führte ab 1915 sogar zu einer 19-jährigen Besatzung. Dominiert wurde die Politik Haitis in den folgenden Jahrzehnten ungebrochen von den mulattischen Eliten, gegen die sich allerdings Widerstand formierte. Ein Protagonist dieser Bewegung war der zukünftige Diktator François Duvalier (1907–1971). Der politisch äußerst aktive Arzt forderte in Zeitungsartikeln ihre Entmachtung und entschloss sich schließlich, selbst in die Politik zu gehen.
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Nach massiven Protesten gegen Präsident Paul Eugène Magloire, zu deren Organisatoren auch Duvalier gehörte, ergriff der Machthaber die Flucht, und es wurden Wahlen angesetzt. Duvalier kandidierte für das Präsidentenamt, positionierte sich dabei nationalistisch und galt als Favorit des Militärs. Diktatorische Ambitionen traute man dem sanften und zurückhaltenden „Papa Doc“ aber nicht zu – eine Fehleinschätzung. Nach seinem Wahlsieg 1957 ließ er bei erster Gelegenheit Schlägertrupps gegen streikende Händler vorgehen, kritische Zeitungen verbieten, Oppositionspolitiker verhaften und Gewerkschaften zerschlagen. Die Armee, die so oft Präsidenten entmachtet hatte, wurde von ihm durch Versetzungen und Entlassungen entkernt, während ihr eine neu aufgebaute Miliz zur Seite gestellt wurde, auf die sich Duvalier von nun an bei seiner Terrorherrschaft stützen sollte: die „Tonton Macoutes“.
Die anfangs guten Beziehungen Duvaliers zu den USA kühlten sich zwischenzeitlich ab, da Duvalier hinter kleinen dilettantischen Umsturzversuchen Washingtons Einfluss vermutete, während Washington alarmiert auf Kommunisten in Duvaliers Umfeld reagierte. Duvalier verstand schnell, dass sich die Angst vor der „Roten Gefahr“ nutzen ließ, um große Summen an Hilfsgeldern zu erpressen; besonders nach der Machtergreifung Fidel Castros auf Kuba drohte er offen damit, er werde die Seiten wechseln, wenn man seine Loyalität nicht entlohnte.
Zuhause ließ er sich mit offensichtlicher Wahlfälschung im Amt bestätigen. Und nachdem er 1963 Machtkämpfe mit dem Kommandeur seiner Miliz und mit dem demokratischen Präsidenten der Dominikanischen Republik überstanden hatte, saß er fest im Sattel. Per Verfassungsänderung machte er sich kurz darauf zum Präsidenten auf Lebenszeit, gleichzeitig rief er einen regelrechten Führerkult ins Leben und ließ die Schüler des Landes eine Verballhornung des Vaterunsers aufsagen, das seine vermeintlichen Verdienste pries. Duvalier verglich sich regelmäßig mit Volkshelden des haitianischen Befreiungskampfes, aber auch mit Charles de Gaulle, Lenin, Mao und Jesus. Außerdem kultivierte er eine Aura als Voodoo-Priester.
Immer wieder beschwor er die Solidarität innerhalb der schwarzen Bevölkerung und versprach, das Land aus der Armut zu führen. Es blieb allerdings bei Ansprachen und Symbolen, denn längst hatte Duvaliers Politik nur noch ein Ziel: die Haitianer auszunehmen – durch Zwangsabgaben, Plünderungen und die Zweckentfremdung ausländischer Hilfsgelder. Wo die Menschen aufbegehrten, war die Antwort rohe Gewalt; teilweise wurden Leichen öffentlich zur Schau gestellt.
Als Duvalier schwer erkrankte, war er mächtig genug, um in Zusammenarbeit mit den USA seine Nachfolge zu regeln: Haitis erste Dynastie wurde ins Leben gerufen, denn als Duvalier 1971 starb, übernahm sein 20-jähriger Sohn Jean-Claude die Herrschaft – ein unbedarfter junger Mann, der in der Welt des Palastes aufgewachsen war und den ausländische Journalisten spöttisch „Baby Doc“ nannten. Schergen des verstorbenen Vorgängers fielen in Ungnade, Emporkömmlinge rückten in die erste Reihe auf, aber für die Bevölkerung gab es keine sichtbaren Veränderungen.
Immer mehr Bauern versuchten nun, auszuwandern. Von Schleppern, die ihnen alles abnahmen, ließen sie sich in enge, schmutzige Boote sperren und nach Miami übersetzen, wo zwar prekäre Verhältnisse warteten, die aber dem Hungertod und den Milizen vorzuziehen waren. Ärzte und Anwälte aus der urbanen Mittelschicht verließen das Land unterdessen immer öfter in Richtung amerikanischer und europäischer Großstädte.
Kritik aus den USA am Unterdrückungsapparat der Duvaliers gab es erstmals, nachdem Jimmy Carter 1976 zum Präsidenten gewählt worden war. Baby Doc reagierte mit einer Reihe von leeren Versprechungen und kosmetischen Reformen. Schon aus humanitären Bedenken flossen weiterhin Hilfsgelder, doch meistens kamen diese nur wohlhabenden Städtern zugute, während beispielsweise der Straßenbau auf dem Land, der bessere Transportwege zu den Märkten ermöglichen sollte, nur die Landpreise in die Höhe trieb und Profiteure mit Regierungskontakten dazu animierte, den Kleinbauern ihr Land zu entreißen. Das meiste Geld landete unterdessen auf den zahlreichen Konten Baby Docs, so wie das schon zu Zeiten seines Vaters gang und gäbe gewesen war.
Als sich der baldige Wahlsieg Ronald Reagans in den USA abzeichnete, verzichtete das Duvalier-Regime wieder auf die Maske der Liberalisierung: Milizionäre zerschlugen eine Versammlung der Haitianischen Menschenrechtsliga, Dissidenten wurden zusammengetrieben und eingesperrt. Dass Baby Docs Herrschaft trotzdem auch im Nachhinein hin und wieder als moderner als die seines Vaters beschrieben wurde, hat etwas mit der damaligen Hinwendung der USA zum Neoliberalismus zu tun, also mit der Wertschätzung wirtschaftlicher Freiheiten auf Kosten bürgerlicher Freiheiten. Diesen Trend konnte Baby Doc zumindest zeitweise erfolgreich bedienen, da er durch seine Heirat mit Michèle Bennett den Bund mit der alteingesessenen mulattischen Elite geschlossen hatte und zeitweise Ökonomen in Port-au-Prince an Einfluss gewannen, die ganz den neuen Vorstellungen Washingtons entsprachen.
Immer wieder flackerte Widerstandsgeist auf, aber regelmäßig misslang es den kleinen Gruppen, eine Protestbewegung anzustoßen. Von großer Bedeutung war indes die Haltung Papst Johannes Pauls II., der 1983 Haiti besuchte. In seiner Rede kritisierte er die Menschenrechtsverletzungen und die Armut – Worte, die in den kommenden drei Jahren große Wirkung entfalten sollten.
Zunehmend waren die Menschen bereit, zumindest hinter vorgehaltener Hand die Regierung zu kritisieren. Wirtschaftlich ging es für den Großteil der Bevölkerung weiter bergab. Investitionen blieben aus, die Tourismusbranche brach ein, und dann wurden bei einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest 1,2 Millionen Schweine getötet, die entweder gar nicht ersetzt wurden oder aber durch Hausschweine aus den USA, die den Bedingungen haitianischer Schweinezucht nicht gewachsen waren. Armut und Hunger erreichten eine neue Dimension.
Der Widerstand, der Duvaliers Herrschaft beenden sollte, begann in der Hafenstadt Gonaïves, wo schon im Mai 1984 Studenten die Rebellion probten und niedergeschossen wurden. Im Oktober begannen die Unruhen von Neuem und griffen auf andere Städte über. Dabei hörten die Rebellen stets aufmerksam katholische Radiosender (allen voran Radio Soleil), die an die Worte des Papstes erinnerten und zum Durchhalten aufriefen. Baby Doc reagierte routiniert mit brutaler Repression und besetzte Ministerposten zudem mit altbewährten Hardlinern, die den Staatsterror noch intensivierten. Immer wieder wurden Proteste nun niedergeschlagen und Rädelsführer getötet. Trotzdem zeichnete sich allmählich ab, dass Baby Doc die Unterstützer ausgingen.
Eine gewaltige Protestwelle schlug im Januar 1986 über dem Regime zusammen. Baby Doc gab sich kämpferisch, zeigte sich hie und da mit bewaffneter Eskorte in der Hauptstadt, um allen zu zeigen, dass er sich nicht verkroch und schon gar nicht die Flucht ergriff. Spezialeinheiten der Armee durchkämmten das Stadtzentrum. Zeitgleich ließ Baby Doc aber in mehreren Ländern anfragen, ob man ihm Asyl gewähren würde. Außerdem machte sich sein gesamtes Gefolge daran, Geld ins Ausland zu verschieben.
Als die Duvaliers die Flucht antraten, stand ihnen ein Leben in Luxus bevor, auch wenn es sie betrübte, von der Macht lassen zu müssen. Haiti dagegen sollte der Spirale aus Gewalt, Korruption, Verschuldung, Ausbeutung, Coups d’État, Armut und Hunger nicht entkommen. 1994 intervenierten die USA, und mehrmals stand Haiti über Jahre hinweg unter UN-Mandat. Baby Doc konnte 2011 nach Haiti zurückkehren, wo er zwar angeklagt, aber nie verurteilt wurde, weil er 2014 verstarb. Genugtuung blieb Haiti verwehrt.
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