Auf der Ostseite Thebens (dem heutigen Luxor) gehen wesentliche Teile der Tempel von Karnak und Luxor auf Ramses II. zurück. Auch auf der Westseite hat Ramses II. als Bauherr Spuren hinterlassen: das Ramesseum, seine Grabanlage im Tal der Könige und das Sammelgrab für seine Familie. Die Lehmziegelarchitektur der thebanischen Wohnstadt ist dagegen vergangen und liegt heute entweder unter moderner Bebauung oder unter landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Die Kultbauten auf der Ost- und Westseite unterscheiden sich in ihrer Grundkonzeption: Auf der Ostseite liegen die Reichstempel, also Anlagen, die aufgrund ihrer Konzeption – im baulichen Sinn – niemals fertiggestellt sein konnten. Jeder König war aufgerufen, Erweiterungen am kultischen Zentrum des Reichsgottes vorzunehmen. Auf der Westseite hingegen liegen „ad personam“-Tempel, also Anlagen, die von einem einzigen Erbauer errichtet und abgeschlossen wurden, in denen Götterkult und königlicher Totenkult in einem Tempel räumlich verbunden worden sind. Die Erklärung für das Übermaß an Bautätigkeit in der Zeit Ramses’ II. ist in der Königsideologie zu finden: Bautätigkeit gehörte zu den zentralen Obliegenheiten der Pharaonen – durch das Bauen schrieb sich der König gewissermaßen ein in den „heiligen Raum der Dauer“ (Jan Assmann), erst durch Bautätigkeit erwarb er sich sein ererbtes Pharaonenamt.
Zu den beeindruckendsten Projekten gehört der Säulensaal in Karnak, den Sethos I. und sein Sohn Ram-ses II. gemeinsam errichteten. Mit einer Grundfläche von 5500 Quadratmetern und 134 Säulen übertraf der Bau alles bis dahin Dagewesene. Sein besonderes Gepräge erhielt der Saal dadurch, daß sein Mittelteil durch eine Anzahl von architektonischen Maßnahmen räumlich erweitert und akzentuiert wurde: Die Mittelstützen wurden in einem größeren Abstand voneinander gesetzt als jene der Seitenschiffe und haben auch einen größeren Durchmesser. Zudem wurden Kapitelle mit geöffneten – und nicht wie sonst üblich geschlosse-nen – Papyrusdolden verwendet. Vor allem aber überragen die zwölf mitt?le?ren Säulen mit einer Höhe von 21 Metern die restlichen um fünf Meter. Diese Anordnung hatte zur Folge, daß die Decke in der Mitte des Saals angehoben war und er auf diese Weise die Form einer Basilika erhielt. Gesteigert wird der allein durch die schieren Dimensionen hervorgerufene Raumeindruck zusätzlich durch die obenliegenden, vier Meter hohen Gratfenster, die einen gesonderten Bereich, die Mitte des Saals, in gleißende Helligkeit legten. Dieser Effekt dürfte dadurch verstärkt worden sein, daß die seitlichen Flügel der monumentalen Halle im Halbschatten gelegen haben. Der wohlkalkulierte Einsatz des Lichts, seine Inszenierung, stellt das Leitmotiv der Gesamtanlage dar: In dem Sinn, daß Licht von weit oben – aus dem Himmel gleichsam – als eine Erscheinungsform Gottes gedeutet werden kann, bezeichnet diese durch die Achse des Saals führende „Lichtbahn“ die Kultachse.
Zeremonieller Logik folgend, wurden auf ihr bei Prozessionen, über deren äußere Erscheinung uns die Reliefs an den Innenwänden Aufschluß geben, die Barken der sogenannten Thebani?schen Triade (Amun, Mut und Chons) auf ihrem Weg zum Talfest auf die Westseite oder zum Opet-Fest nach Luxor getragen. Der Weg dorthin führt über eine Prozessionsstraße, die die kultische Verbindung der beiden Tempelkomplexe bildet. Die letzte Ausbaustufe des Luxor-Tempels stammt von Ramses II. Im wesentlichen sind hierunter die Obelisken und die Kolossalstatuen des Königs, die beiden das Monumentaltor flankierenden Türme – der Pylon – und der säulenumstandene Hof zu verstehen, der weit vor dem eigentlichen Tempelhaus lag, getrennt von ihm durch eine Säulenkolonnade und einen weiteren Hof. Im Allerheiligsten fand das Opet-Fest statt, als dessen Höhepunkt – in Form eines Kultschauspiels – der Reichsgott Amun die Schöpfung der Welt wiederholte. Weiterhin hatte das Fest eine königskultische Dimension, deren Sinn darin bestand, den Pharao mit jenen Aspekten göttlicher Machtfülle auszustatten, die ihn befähigten, sein Amt auszuüben.





