Er dachte über Gott und die Welt in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Weise nach: Das Werk von Meister Eckhart stößt nach wie vor auf Interesse und sogar eine Meister-Eckhart-Gesellschaft ist dem Denker des späten Mittelalters gewidmet. Er wurde um 1260 in Hochheim in Thüringen geboren und trat schon als Jugendlicher dem Dominikaner-Orden bei. Durch sein Talent erreichte er dort hohe Ämter und gelangte schließlich auch bis an die Universität Paris. Später zog es ihn dann wieder in die Heimat zurück: Von 1294 bis 1310 wirkte Eckhart im Erfurter Dominikanerkloster, zunächst als Prior, später als Verantwortlicher für die dominikanische Ordensprovinz Saxonia. Seine speziellen theologischen, mystischen und philosophischen Ansichten und Werke machten ihn in dieser Zeit berühmt. Einige provokante Aspekte brachten ihn allerdings auch in Konflikt mit der Kirche. Noch vor dem Abschluss eines Inquisitionsverfahrens starb er um das Jahr 1328.
Recycling-Material der spektakulären Art
Auf das Werk dieses ungewöhnlichen Denkers wirft nun ein Fund aus der Universitätsbibliothek Leipzig Licht. Eigentlich sind die zwei Pergamentstreifen schon seit 2014 bekannt: Sie wurden im Rahmen eines Projekts entdeckt, das sich der Suche nach verborgenen Textschätzen im Bindematerial von Büchern aus der Sammlung widmete. Denn in der frühen Neuzeit wurde für die Herstellung neuer Bücher oft recyceltes Pergamentmaterial älterer Werke verwendet. So gelangten beschriftete Streifen früherer Manuskripte etwa in die Buchrücken. Die beiden besonderen Stücke wurden im Bindematerial eines Bandes mit einem Druck des 15. Jahrhunderts entdeckt, berichtet die Universität Leipzig. Zunächst konnte die Beschriftung aber nur grob als theologisch-mystischer Text in deutscher Sprache eingeordnet werden.
Die Recherchen des Teams um Christoph Mackert vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek konnten jetzt allerdings aufdecken: Auf den Pergamentfragmenten sind Ausschnitte aus einem Text erhalten, der nach neuesten Erkenntnissen auf Eckhart zurückgeht und unter dem Titel „Von zweierlei Wegen“ bekannt ist. Auf der Rückseite der Streifen sind außerdem Zeilen aus einem bisher nicht näher bestimmbaren Text erkennbar, der sich auf „Wissen und Unwissen“ bezieht. Ob es sich um einen möglicherweise unbekannten Eckhart-Text handelt, bleib allerdings unklar.
Nah am Meister
Doch was ist nun das Besondere an den fragmentarischen Spuren des bekannten Werkes? Alter und Entstehungsregion sind spektakulär, sagen die Experten: Denn anhand der Schriftmerkmale konnte sie die Handschriftenreste in die Zeit um 1290 bis 1310 datieren. Außerdem wurde der Text in einem Dialekt gefärbtem Deutsch geschrieben, das eindeutig auf Thüringen verweist. Das bedeutet: Die Leipziger Fragmente sind jetzt die ältesten bekannten Textfunde zu Meister Eckhart und sie sind auch in seinem Wirkungsumfeld entstanden, erklärt das Team. Denn von 1294 bis 1310 wirkte Eckhart im Erfurter Dominikanerkloster und der damaligen Provinz Saxonia.





