Im Laufe der Geschichte hat die Lebensweise und Wirtschaft der Industrieländer mehrere tiefgreifende Wandel durchlebt. Als eine der größten Transformationen gilt die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert. In dieser Umbruchszeit veränderten sich die Produktions- und Lebensformen beginnend in Großbritannien fundamental. Die zuvor vorwiegend landwirtschaftliche Lebens- und Erwerbsweise – der sogenannte primäre Sektor – wurde durch eine zunehmend automatisierte, arbeitsteilige Produktion abgelöst. Damit verknüpft kam es zu einer massiven Landflucht und der Ansiedlung von immer mehr Arbeitern und ihren Familien im Umfeld der Städte und Produktionsstätten. Eng verknüpft ist dieser Wandel mit der beginnenden Nutzung der Kohle und der Dampfmaschinen.
“Geschichte Großbritanniens muss neu geschrieben werden”
Doch diese gängige Vorstellung könnte – zumindest zeitlich – falsch sein, wie nun Historiker unter Leitung von Leigh Shaw-Taylor von der University of Cambridge berichten. Im Rahmen ihres Projekts ” Economies Past” haben sie in den letzten Jahren mehr als 160 Millionen Daten zur Lebens- und Arbeitswelt von Menschen in Großbritannien der letzten 300 Jahre ausgewertet. Dabei entdeckten sie Überraschendes: “Nachdem wir Jahrhunderte an Beschäftigungsdaten katalogisiert und kartiert haben, können wir sehen, dass die Geschichte Großbritanniens neu geschrieben werden muss”, sagt Shaw-Taylor. “Denn schon mehr als ein Jahrhundert vor der industriellen Revolution war Großbritannien dabei, sich zu industrialisieren.”
Konkret zeigen die historischen Aufzeichnungen, dass schon Anfang des 17. Jahrhunderts in Großbritannien ein tiefgreifender Wechsel vom primären Sektor Landwirtschaft zum sekundären Sektor der Güterproduktion einsetzte. So fiel der Anteil der Bauern und Landarbeiter um mehr als ein Drittel von 64 auf nur noch 42 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der männlichen Arbeiter in der Güterproduktion um die Hälfte an. Bereits um 1700 arbeiteten dadurch mehr Menschen in der Produktion als in der Landwirtschaft, ihr Anteil war dreimal so hoch wie in Frankreich zur gleichen Zeit. In einigen britischen Landesteilen wie in Norfolk lag der Anteil der in quasi-industriellen Manufakturen arbeitenden Männer sogar bei 63 Prozent. Damals arbeiteten zudem mehr Frauen im produzierenden Gewerbe als rund 100 Jahre später.
Manufakturen und Heimarbeiter-Netzwerke
Diese quasi industriell organisierte Produktion fand damals noch nicht in großen Fabriken oder mit Maschinen statt. Stattdessen bildeten sich vor allem auf dem Land Netzwerke aus Heimarbeitenden, die Textilien, Metallwaren, Schuhe und andere Güter für den überregionalen Bedarf herstellten. “Zusätzlich zu den dörflichen Handwerkern bildeten sich Weberei-Netzwerke in ländlichen Regionen, die für Händler arbeiteten, die die Wolle bereitstellten und die fertigen Waren verkauften”, erklärt Shaw-Taylor. Die Manufakturen für Textilien, Nägel oder Sensen waren “wie Fabriken ohne Maschinen, die hunderte Haushalte umfassten”, so der Historiker.





