Zu Beginn des Jahres 1000 blickte man in Polen voller Erwartung, Vorfreude und Genugtuung nach Rom. Der Kaiser des Römischen Reiches und deutsche König, der junge Otto III., war am 20. Dezember 999 von dort aufgebrochen, um nach Polen zu ziehen. Wenn führende Politiker auf Reisen gehen, so gilt ihnen stets die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Um wieviel mehr traf dies im Mittelalter zu, in einer Zeit, die zwar von unseren heutigen nachrichtentechnischen Möglichkeiten weit entfernt war, in der aber die zentrale Macht und Autorität des christlichen Abendlandes sich in zwei Ämtern, zwei Persönlichkeiten konzentrierten, im Kaiser und im Papst. Der Papst hatte als Bischof von Rom seinen festen Sitz in der Hauptstadt des Römischen Reiches, der Kaiser aber regierte nicht nur von Rom und Aachen aus, im Grunde war er ein Herrscher auf Reisen. Wann er wohin zog, ließ schon auf seine Absichten und deren Bedeutung schließen. Und nun führte erstmals der Weg des Kaisers nach Polen, und das war Grund genug für die gehobene Stimmung, die dort herrschte. Warum erwartete man Otto III. dort? Ziel seiner Reise war Gnesen, das Machtzentrum des polnischen Reiches, wo sich das Grab des heiligen Adalbert befand. Der junge Kaiser wollte dort, wie der Chronist Thietmar von Merseburg schreibt, seines Freundes und Lehrers in Verehrung gedenken: “Als nun der Kaiser von den Wundern erfuhr, die Gott durch seinen geliebten Märtyrer Adalbert wirke, beeilte er sich, dorthin zu reisen, um zu beten.” Adalbert (um 956–997), der auf tschechisch Vojtûch und auf polnisch Wojciech hieß, stammte aus einem der führenden böhmischen Adelsgeschlechter. Nach seiner theologischen Ausbildung in Magdeburg wurde er 983 Bischof von Prag. Lange hielt er es dort jedoch nicht aus, nicht zuletzt wegen der Feindschaft zwischen ihm und dem böhmischen Herzog. Auf seinen vielen Reisen durch das damalige Europa, mit längeren Aufenthalten in Rom und Besuchen in Aachen, knüpfte er gute Kontakte zu Kaiser und Papst, außerdem zu den Herrschern Ungarns und Polens. Es war der polnische Herzog Boleslaw I. Chrobry (Boleslaus I. der Kühne, 966 oder 967–1025), der ihn anregte, Mission unter den Pruzzen zu treiben, einer baltischen Völkerschaft im Norden Polens, in deren Land später der Staat des Deutschen Ordens entstehen sollte. Adalbert hatte kaum seine Tätigkeit aufgenommen, da erschlugen ihn die heidnischen Pruzzen am 23. April 997. Boleslaw kaufte ihnen Adalberts Leichnam ab, ließ ihn nach Gnesen bringen und dort feierlich bestatten. Der Märtyrertod dieses angesehenen Kirchenmannes und Politikers schockierte die damalige christliche Welt. Kaiser Otto III. veranlaßte in Aachen den Bau eines Adalbertstifts und setzte zusammen mit dem Polenherzog den Heiligsprechungsprozeß für den bewunderten Lehrer in Gang. Schon kurz darauf, 998 oder 999, wurde Adalbert offiziell zur Ehre der Altäre erhoben. Davon unabhängig war sein Gnesener Grab zum Ausgangspunkt eines Adalbertkults geworden, der kosmopolitische Märtyrer böhmischer Herkunft stieg zum ersten Nationalheiligen Polens auf…
Prof. Dr. Hans Hecker





