Im Süden Polens liegt eine Höhle, die Archäologen seit Langem beschäftigt. Darin wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts Knochen von prähistorischen Jägern und Sammlern gefunden, die im Jungpaläolithikum lebten. „Die Maszycka-Höhle ist ein Überrest eines Lagers einer Gruppe von Menschen, die vor 18.000 Jahren aus Westeuropa kamen. Sie waren Vertreter einer kulturellen Einheit, die wir die Magdalénien-Kultur nennen“, erklärt Co-Autorin Marta Połtowicz-Bobak von der Universität Rzeszów. Von diesen Magdalénien-Gruppen ist bekannt, dass sie Schalen und Schmuck aus menschlichen Knochen herstellten. Ob diese Gemeinschaften dafür die Knochen von natürlicherweise Verstorbenen nutzen oder die Überreste von Menschen, die sie wegen ihres Fleisches getötet hatten, war bislang unter Wissenschaftler umstritten. Waren die Magdalénien-Gruppen Kannibalen?

Knochen bestätigen Kannibalismus
Dieser Frage ist nun ein Team um Francesc Marginedas vom Katalanischen Institut für Humanpaläoökologie und soziale Evolution (IPHES-CERCA) in Tarragona nachgegangen. Dafür analysierten die Archäologen und Anthropologen eine Sammlung von 63 menschlichen Knochen oder Knochenfragmenten aus dem Archäologisches Museum in Krakau, die aus der Maszycka-Höhle stammen. Einige der Artefakte wurden bereits zuvor untersucht, andere nicht. „Es handelt sich um die Überreste von mindestens zehn Menschen“, berichtet Co-Autor Dariusz Bobak von der Stiftung für das Archäologische Zentrum Rzeszów. Darunter waren sechs Erwachsene und vier Kinder oder Jugendliche.
Moderne 3D-Scans enthüllten nun parallele und sich kreuzende Schnittspuren auf fast allen untersuchten Knochen. „Wir identifizierten Mikroschnitte an Stellen, die zeigen, dass versucht wurde, Muskeln von den Knochen zu trennen. Wir fanden auch Spuren des Zerkleinerns sowie des Aufbrechens langer Arm- und Beinknochen, um Knochenmark zu gewinnen, das ein sehr kalorienreiches Lebensmittel ist“, berichtet Bobak. „Spuren auf Schädelfragmenten deuten darauf hin, dass auch Versuche unternommen wurden, Zugang zum Gehirn zu erhalten, das ebenfalls sehr kalorienreich ist.“ Manche Körperteile wurden gehäutet, andere entfleischt oder amputiert. Damit bestätigen die Knochen die ursprüngliche Annahme: Die Bewohner der Maszycka-Höhle praktizierten Kannibalismus. Sie aßen Menschenfleisch und versuchten auch, an das nahrhafte Knochenmark und Gehirn zu kommen.






