Seit der Befreiung am 15. April 1945 ist Bergen-Belsen Synonym für die deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Doch Bergen-Belsen war nicht nur Konzentrationslager (1943-45), sondern von 1940 bis 1945 auch Kriegsgefangenenlager und nach der Befreiung bis 1950 Displaced Persons Camp (eine Notunterkunft für Überlebende nationalsozialistischer Lager, die sich bei Kriegsende außerhalb ihres Heimatlandes befanden). 1940 richtete die Wehrmacht in Bergen-Belsen erstmals ein Kriegsgefangenenlager für 600 belgische und französische Soldaten ein. Im Verlauf des Krieges wurden in Bergen-Belsen neben 20 000 sowjetischen Kriegsgefangenen auch kranke Gefangene aus anderen Konzentrationslagern sowie weibliche Häftlinge vor allem aus dem KZ Auschwitz-Birkenau untergebracht. Bis zur Befreiung des Lagers durch britische Truppen starben etwa 50 000 KZ-Häftlinge und 20 000 Kriegsgefangene.
Die britischen Befreier evakuierten die Überlebenden des Konzentrationslagers und brachten sie in die nahegelegenen Kasernen der Wehrmacht unter, wo zunächst ein Nothospital, später ein Lager für Displaced Persons (DPs) eingerichtet wurde. In Bergen-Belsen waren 1945/46 zeitweise mehr als 10 000 polnische DPs sowie von 1945 bis 1950 vorübergehend fast 12 000 jüdische DPs untergebracht. Nachdem die Baracken aufgrund der hohen Seuchengefahr noch im Mai 1945 abgebrannt worden waren, wurde ein größerer Teil des ehemaligen Lagergeländes in eine parkähnliche Friedhofsanlage umgewandelt. Diese wurde 1952 dem Land Niedersachsen übergeben und im gleichen Jahr offiziell als erste KZ-Gedenkstätte in der Bundesrepublik eröffnet. Nachdem der Bund die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen in den 90-er Jahren in sein Förderprogramm aufgenommen hatte, konnte nun – nach zwei Dauerausstellungen von 1966 und 1990 – durch die Öffnung und Erschließung lokaler, nationaler und internationaler Archive neues Quellenmaterial erschlossen werden.
Der Ausstellungskatalog spiegelt das Konzept des Dokumentationszentrums als „Archiv der Erinnerung“ wider. Die im Katalog vorgestellte vielfältige Quellensammlung besteht unter anderem aus Briefen, Fotografien, persönlichen Gegenständen der Häftlinge und Dokumenten aus dem Konzentrationslager. Dabei werden die Quellen nicht illustrativ verwendet, sondern sind kommentierter Bestandteil der Geschichte des Lagers. Dem Grundprinzip der Ausstellung folgend findet sich im Katalog kein individualisierbares Dokument ohne eine zumindest knappe Erläuterung zur Person. Darüber hinaus werden einzelne Schicksale durch ausführliche Lebensgeschichten wieder sichtbar gemacht und wirken damit der gewaltsamen Anonymisierung der Nationalsozialisten entgegen. Die in die Ausstellung integrierten Filmaufnahmen von Interviews mit ehemaligen Häftlingen sind in verkürzter schriftlicher Form in den Katalog aufgenommen und werden durch Standbilder aus den Filmaufnahmen ergänzt. Mit diesem Ausstellungskatalog hat das Dokumentationszentrum Bergen-Belsen ein höchst informatives und zugleich bewegendes Zeugnis der Verbrechen des Nationalsozialismus in Niedersachsen geschaffen, dessen Lektüre sich auch ohne den Besuch des Dokumentationszentrums lohnt.





