Die Antikensammlung aber besteht nicht nur aus diesen königlichen Sammlungen, sondern es kamen vor allem in den Jahrzehnten zwischen 1871 und 1914 zahlreiche hochkarätige Objekte hinzu. In diesen Jahrzehnten fanden nämlich die großen Grabungsunternehmungen der Berliner Museen im östlichen Mittelmeerraum statt: die Ausgrabungen in Pergamon, Milet, Magnesia am Mäander und Priene an der türkischen Westküste, außerdem diejenigen in Baalbek im heutigen Libanon. Systematisch wurden ganze Städte, Heiligtümer und Nekropolen freigelegt und Objekte geborgen; mit dem Osmani‧schen Reich vereinbarte man Fundteilungen. In der Folge gelangten viele Kunstwerke von Weltruhm nach Berlin.
Turbulent war dann die Geschichte der Berliner Antikensammlung im 20. Jahrhundert. Wegen des Krieges wurde der Bestand ausgelagert, später in die Sowjetunion verbracht und im Jahr 1958 nur unvollständig zurückgegeben. Dann fand auch noch eine Verteilung der Stücke auf Ost- und West-Berliner Museen statt. Das Ergebnis war, dass die antiken Skulpturen seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht für die Öffentlichkeit zu‧gänglich waren. Eine wissenschaftliche Dokumentation, geschweige denn eine weitergehende Auswertung fand nicht statt.
Nach wie vor ist es für Außenstehende unmöglich, auch nur einen annähernd korrekten Überblick über das gesamte Material, immerhin rund 4 400 Stücke, zu gewinnen. Mehr als 90 Prozent aller Objekte müssen aufgrund ihrer Aufbewahrung im Depot oder der bisher nur partiellen Publikation als weitgehend unbekannt gelten. Ein Gesamtbild der nach Berlin gelangten Skulpturen, das sich an den ursprünglichen kulturgeschichtlichen Kontexten orientiert, konnte auf der Grundlage des bisherigen Forschungsstandes also nicht gewonnen werden.
Der heutige Museumsbesucher findet nur einen Teil der wertvollen Skulpturen in den verschiedenen Dauerausstellungen im Alten Museum, im Neuen Museum und im Perga‧monmuseum auf der Berliner Museumsinsel. Das bahnbrechende Konzept des 1930 eröffneten Pergamonmuseums hatte zum Ziel, in Form eines begehbaren Handbuches antike Architektur und Skulptur im Zusammenhang zu präsentieren. Veränderte Bildungsvoraussetzungen und Rezeptionsgewohnheiten führten aber dazu, dass die Grundidee des Museums, nämlich die Präsentation von Objekten in rekonstruierten antiken Kontexten, heute nicht mehr für jedermann verständlich ist. Auch waren die technischen Möglichkeiten, solche historischen Kontexte jenseits von Zeichnungen und konventionellen Modellen zu visualisieren, bisher nicht gegeben.
Bei diesen Problemen setzt das „Berliner Skulpturennetzwerk“ an. Das von der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin im Oktober 2009 initiierte und auf drei Jahre angelegte Kooperationsprojekt setzt sich zum Ziel, die umfangreichen Bestände antiker Skulpturen in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin datenbankgestützt zu erfassen, durch Fachwissenschaftler zu erforschen und zu publizieren. Berücksichtigt werden außerdem alle diesbezüglichen Archivunterlagen sowie alle neuzeitlichen Gipsabgüsse nach antiken Skulpturen in den Sammlungen der Staatlichen Museen, der Freien Universität und der Humboldt-Universität.





