Die Schriften berichten von Humboldts Forschungen auf nahezu sämtlichen Wissensgebieten seiner Zeit. Sie behandeln Themen wie den „Kampf der electrischen Aale mit Pferden“, die „Milch des Kuhbaums“, „Mexicanische Alterthümer“ und „Versuche den Chimborazo zu besteigen“. Viele bahnbrechende Erkenntnisse, etwa zur elektrischen Stimulierung von Muskelfasern oder zum menschengemachten Klimawandel, formulierte Humboldt in Aufsatzform. Selbst Fachleuten sind heute nur wenige dieser Texte bekannt, und niemand hat einen Überblick über das vielfältige Corpus, da nur wenige Artikel seit ihrem Erscheinen neu veröffentlicht wurden. Das Berner Projekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird, möchte dies ändern: In der Berner Ausgabe werden Alexander von Humboldts Aufsätze, Artikel und Essays erstmals systematisch versammelt und der Öffentlichkeit verfügbar gemacht. „Es handelt sich um einen philologischen Glücksfall, weil man bei keinem Autor von vergleichbarem Rang noch so eklatante Editionslücke schliessen und entsprechende Pionierarbeit leisten kann“, sagt Prof. Oliver Lubrich vom Institut für Germanistik der Universität Bern.
Angesichts der disziplinären Vielfalt des Materials wird das Berner Team unterstützt von Spezialisten aus der Schweiz, Deutschland und den USA, die als Ko-Editoren einzelne Bände mitbetreuen. Gemeinsam erarbeiten sie eine neue Grundlage nicht nur für die Humboldt-Forschung, sondern auch für das Verständnis anderer Autoren, auf deren Werk Humboldt Einfluss hatte. So hat Goethe im Faust II Humboldts Theorien über die Entstehung der Erdoberfläche aufgegriffen. „Mit der Berner Ausgabe werden wir nachvollziehen können, welche Schriften Goethe kannte und in sein Drama einfließen ließ“, erklärt Projektmitarbeiter Thomas Nehrlich. Ähnliches gelte für Achim von Arnim und Adelbert von Chamisso. „Mit unserer Edition wird man lesen können, was die Klassiker lasen.“
Alexander von Humboldt (1769-1859) war während sieben Jahrzehnten in fast allen Disziplinen seiner Zeit wissenschaftlich tätig: Archäologie, Botanik, Geologie, Kartographie, Mineralogie, Zoologie und viele mehr. Berühmt wurde er durch seine Forschungsreisen nach Amerika (1799-1804) und Asien (1829) sowie durch sein Grosswerk Kosmos (1845–1859) – das „die ganze Welt in einem Buch“ darstellte. Neben zahlreichen Reiseberichten und wissenschaftlichen Monographien veröffentlichte Humboldt über 700 Aufsätze, Artikel und Essays – einen bisher unerforschten „Anderen Kosmos“. Während den sechs Jahren Projektlaufzeit sollen sieben Textbände entstehen, die Humboldts Schriften nach Jahrzehnten geordnet versammeln. Zur Erschließung und Kommentierung werden drei Ergänzungsbände erstellt: ein Übersetzungsband, der die nicht auf Deutsch erschienenen Texte in moderner Übertragung anbietet; ein Apparatband mit Registern und Einführungskommentaren zu jedem Text; und ein Forschungsband mit Längs- und Querschnittstudien, die das gesamte Material entlang übergreifender Fragestellungen erschließen. Die Ausgabe soll zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts im Jahr 2019 vorliegen.





