Der Blick richtet sich auf eine Ausgrabungsstätte nahe der ägyptischen Stadt Sohag, rund 200 Kilometer nördlich von Luxor. Dort befand sich in der Antike die Siedlung Athribis, deren Überreste ein internationales Archäologenteam unter der Leitung der Universität Tübingen bereits seit einiger Zeit erkundet. Im Fokus standen dabei zunächst die Ruinen eines Tempels, den Pharao Ptolemaios XII. erbauen ließ, der von 76 bis 51 v. Chr. über das Land am Nil herrschte. Es handelte sich dabei um den Vater der berühmten Kleopatra. Das Heiligtum war der Löwengöttin Repit und ihrem Gemahl Min geweiht und wurde bis in die römische Epoche genutzt. Nach dem Verbot heidnischer Kulte im Jahr 380 n. Chr. wurde es dann allerdings zu einem christlichen Nonnenkloster umfunktioniert.

Wie die Universität Tübingen berichtet, stießen die Archäologen im Jahr 2018 bei erweiterten Grabungen im Westen des Tempelbereichs auf Schuttmassen, in denen sie große Mengen von beschrifteten Tonscherben entdeckten. Nun berichten sie über die Untersuchungen dieses besonderen Schatzes, der vielschichtige Einblicke in das Alltagsleben in der Siedlung Athribis in der ptolemäischen und römischen Ära Ägyptens liefern kann.
Antike Notizzettel
Wie die Archäologen erklären, war es in der Antike üblich, dass die Bruchstücke von Tongefäßen als alltägliches Schreibmaterial genutzt wurden. Beschriftet wurden diese sogenannten Ostraka dazu mit Tusche und einem Schreibrohr – einem sogenannten Kalamus. Die Scherben erfüllten dabei die Funktion von Notizzetteln und wurden entsprechend massenweise genutzt und später weggeschmissen. So sind bereits viele Exemplare bekannt. Doch ein so umfangreicher Fund wie im aktuellen Fall ist etwas Besonderes, betonen die Archäologen.
Ihren Untersuchungsergebnissen zufolge waren 80 Prozent der Tonscherben in Demotisch beschriftet, das sich seit etwa 600 v. Chr. aus dem Hieratischen entwickelt hatte. Demotisch bildete im Gegensatz zu Hieroglyphen die alltägliche Verwaltungsschrift in der Ptolemäer- und Römerzeit. Zu den zweithäufigsten Funden zählen Ostraka mit griechischen Zeichen und auch Beschriftungen in hieratischer und hieroglyphischer Schrift wurden entdeckt. Einige offenbar jüngere Exemplare weisen zudem koptische oder arabische Zeichen auf.
Als besondere Kategorie haben die Archäologen außerdem Ostraka mit bildlichen Darstellungen entdeckt. „Diese Tonscherben zeigen verschiedene figürliche Abbildungen, darunter Tiere wie Skorpione und Schwalben, Menschen sowie Götter aus dem naheliegenden Tempel bis hin zu geometrischen Figuren“, sagt Grabungsleiter Christian Leitz von der Universität Tübingen.





