Michel“ nennen die Hamburger ihre Kirche St. Michaelis, die seit langem Wahrzeichen der Hansestadt ist. Nur wenige Jahre nachdem der Kirchenbau abgeschlossen war, entstand nur einige Gehminuten entfernt eine Reihenhaussiedlung. Das Krameramt, ein 1375 gegründeter Zusammenschluss der Kleinhändler (Kramer oder Krämer) mit Laden oder Stand in Hamburg, ließ 1676 zwei Häuserzeilen mit insgesamt 20 baugleichen Wohnungen errichten.
Die Witwen verstorbener Mitglieder sollten darin leben. So besetzten diese nicht mehr die Ladengeschäfte der verstorbenen Amtsbrüder, und neue Mitglieder konnten dort ihre Gewürze, Seidenstoffe oder Eisenwaren feilbieten, was im Interesse der wohlhabenden Berufsorganisation lag. Die Wohnungen entsprachen einer für diese Zeit typischen Form selbstorganisierter Altenversorgung. Die Witwen durften bis an ihr Lebensende mietfrei darin wohnen und erhielten vom Krameramt zudem eine kleine Rente.
Während der Michel 1750 von einem Blitz getroffen wurde und vollständig niederbrannte, 1906 durch einen weiteren Brand seinen neuerrichteten Kirchturm verlor und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bei Bombenangriffen noch einmal stark beschädigt wurde, überdauerten die Kramer-Witwen-Wohnungen Brände und Kriege mehr oder weniger unbeschadet.
Nachdem in den 1860er Jahren das Gesetz über die Gewerbefreiheit in Kraft trat und alle zunftartigen Zusammenschlüsse Hamburgs aufgelöst wurden, unterhielt die Stadt Hamburg die Häuser im Krayenkamp bis 1969 als Altenwohnungen. Seit 1974 ist eine der Wohnungen für Museumsbesucher geöffnet. Wer durch die Haustür des Fachwerkhauses eintritt, gelangt fast unmittelbar in die kleine Stube. Nur die Kasse im Wohnungseingang zeigt an, dass es sich bei der Wohnung um ein Museum handelt. Die Stube und auch die Zimmer in den beiden oberen Etagen sind nicht original möbliert, sondern nach dem Geschmack der gehobenen Mittelschicht des 19. Jahrhunderts mit Stücken aus dieser Zeit ausgestattet.
Schablonenmalereien verzieren die Wände der Wohnung. Hinter der Museumskasse ist eine kleine Küche eingerichtet. Ein Waschbecken als Spüle, ein Hängeschrank mit blau-weißem Tafelservice an der Wand gegenüber. In einer Nische steht ein gusseiserner Herd. Was die Frauen hier wohl kochten? Vielleicht Labskaus?
Eine schmale und sehr steile Holztreppe führt in die erste Etage – in die gute Stube. Ein rot gepolstertes Sofa mit Holzverzierung dominiert den Raum. Davor steht ein runder Holztisch mit Spitzendeckchen. An einer Wand befindet sich ein von einem Alkoven umschlossenes Bett. An einer anderen steht ein kleiner Beistelltisch mit Stickzeug. Möglicherweise beschäftigten sich die Bewohnerinnen hier abends bei Kerzenschein mit Nadelarbeiten, bevor sie das Licht löschten und sich schlafen legten.





