Das aktuelle Werk nähert sich unserer Demokratie in einer Mischung aus Chronologie und Systematik an. Paul unterscheidet drei Binnenepochen innerhalb der Geschichte der Bundesrepublik, nämlich die „Bonner Republik“ 1949 bis 1989, die „Berliner Republik“ 1990 bis 2021 und die „Ampelrepublik“ seit 2021. Während die Zäsur um 1990 herum noch gerechtfertigt erscheint, wirkt es doch mindestens verfrüht oder schlicht nicht überzeugend, dem Antritt der „Ampelregierung“ eine derartige Bedeutung zuzuschreiben.
Besonders wichtig sind diese Einschnitte für das Buch aber ohnehin nicht, da Paul in den Epochenkapiteln vor allem systematische Querschnitte anbietet, die sich allen möglichen Dimensionen des Themenfeldes Bild und Bundesrepublik widmen: von den medialen Bedingungen der Produktion bis zur Rezeption von bewegten und unbewegten Bildern. Hierzu gehören etwa Bilder vom Holocaust, die visuelle Repräsentation der Bundeskanzler, Plakate aus Werbung und Politik, die bildende Kunst sowie etliche Medienereignisse, die sich nicht zuletzt durch immer wieder reproduzierte Bilder im visuellen Gedächtnis der Republik verankern konnten. In gesondert ausgewiesenen kurzen Abschnitten zoomt Paul gewissermaßen ganz nah heran und erläutert den Kontext und die Bedeutung einzelner Bilder, etwa die ikonischen Aufnahmen des brennenden Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen während der rechtsradikalen Ausschreitungen im August 1992.
Viele der Bilder, die hier behandelt und eingeordnet werden, dürften dem durchschnittlichen Medienkonsumenten bekannt sein (zum Beispiel der entführte Hanns Martin Schleyer 1977 oder die Vereidigung des „Turnschuhministers“ Joschka Fischer 1985), trotzdem erfährt man durch die Kontextualisierung viel Neues, selbst oder vor allem da, wo das Buch an die unmittelbare Schwelle der Gegenwart führt und die bildliche Seite der Corona-Pandemie, der Klimakatastrophe oder des russischen Überfalls auf die Ukraine seit Februar 2022 beleuchtet. Medienereignisse stehen bei Paul im Fokus, wenngleich er auch Seitenblicke auf die Entwicklung von Kino, Fernsehen und bildender Kunst einschiebt.
Im Ergebnis ist ein Buch gelungen, das sich durch den konsequenten Blick auf Bilder aus der Masse der übrigen Darstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik hervorhebt. Eine große These formuliert das gut lesbare Buch nicht, zumal es aufgrund der reichen Bebilderung ohnehin eher zum Blättern und Entdecken einlädt. Hier lernt man tatsächlich, die Geschichte mit anderen Augen zu sehen.
Rezension: Dr. Sebastian Rojek
Gerhard Paul
Die Bundesrepublik
Eine visuelle Geschichte
Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2023, 600 Seiten, € 60,–





