Gestaltet ist das chronologisch aufgebaute Buch wie ein Gang durch ein Museum. Der Leser durchschreitet insgesamt zwölf Säle, beginnend mit dem alten Israel. Archäologische Funde wie etwa Amulette mit Stierdarstellungen oder Fruchtbarkeitsgöttinnen aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. zeugen von den religiösen Bedürfnissen der Menschen. Später griff das Bilderverbot des Judentums. Die frühen Christen dagegen fanden neue Bilder für ihren Glauben; ein sehr wirkmächtiges war das des „guten Hirten“: Christus, der auf jedes seiner Schafe achtgibt, das sprach auch Nichtchristen an. Der Gekreuzigte wurde erst seit dem 5. Jahrhundert zum bestimmenden Symbol des christlichen Heilsversprechens.
In Syrien, Ägypten und Äthiopien entwickelte sich das frühe Mönchtum und mit ihm die Klöster als Orte christlicher Kunst. Mit geradezu überwältigendem Farbenreichtum erzählen die aus dem 5./6. Jahrhundert stammenden und bis heute vollständig erhaltenen Wandmalereien des Roten Klosters in Oberägypten von der christlichen Botschaft. Und in Äthiopien entstand vom 4. bis zum 7. Jahrhundert eine staunenswerte Buchkunst.
Wir durchschreiten mit dem Autor weitere Säle: Byzanz mit seinen als heilig verehrten Ikonen zieht an uns vorbei, der Reliquienkult des Mittelalters wird gespiegelt im Glanz vergoldeter Skulpturen, während in der spätmittelalterlichen Holzschnitzerei Christus zum leidenden Menschensohn wird. Wir lassen uns von der Spiritualität der stillen Fresken eines Fra Angelico berühren und bewundern die großen italienischen Meister Botticelli und Raffael. Dann treten wir mit der reformatorischen Bildpropaganda und den Bilderstürmern ins Zeitalter erbitterter Glaubensauseinandersetzungen ein. Diese werden im Barock fortgesetzt, wo sich die katholische Kirche triumphal zu behaupten sucht. Die von Sehnsucht gespeiste Kunstreligion der Romantiker und ein Blick auf die vielgestaltige christliche Kunst im 20. Jahrhundert beenden den inspirierenden Rundgang.
Immer wieder beleuchtet Claussen auch das Schaffen von Künstlerinnen. So begegnen wir etwa den beeindruckenden Marienbildern der portugiesischen Malerin Paula Rego. Zuweilen aber blickt der Autor doch recht einseitig durch eine „protestantische Brille“. Die vielgestaltige, innovative Barockkunst und ihr Protagonist Peter Paul Rubens kommen eindeutig zu kurz und werden vorwiegend unter negativem Vorzeichen betrachtet, während man die verspielte Leichtigkeit des Rokoko in diesem Buch vergebens sucht.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger
Johann Hinrich Claussen
Gottes Bilder
Eine Geschichte der christlichen Kunst
Verlag C. H. Beck, München 2024, 318 Seiten, € 32,–





