Die Autoren stellen den Leserinnen und Lesern aber auch zahlreiche weniger bekannte, in Vergessenheit geratene oder sogar verschwundene Orte vor. So steht etwa das Landtagsgebäude von Sachsen-Meiningen in der gleichnamigen Kleinstadt in Südthüringen für die Überwindung der autoritären Kleinstaaterei im Zuge der Novemberrevolution von 1918/19. Diese hatte zwar zunächst nicht die territoriale Zersplitterung beseitigt, öffnete aber in Thüringen ein Zeitfenster für eine der äußerst seltenen Länderneuordnungen in der deutschen Geschichte. Am 1. Mai 1920 schloss sich Sachsen-Meiningen mit sechs anderen Kleinstaaten zum Land Thüringen zusammen.
Das im Jahr 1945 gänzlich zerstörte und bis heute nicht wieder aufgebaute Residenzschloss Neustrelitz steht dagegen für die erste tatsächlich in Kraft getretene demokratische Verfassung in Deutschland. Diese verabschiedete der dort tagende Landtag von Mecklenburg-Strelitz am 29. Januar 1919, also ein halbes Jahr vor der Weimarer Reichsverfassung.
Einen Schwerpunkt legt der Band auf die Entstehungsgeschichte des Grundgesetzes 1948/49, der insgesamt sechs Einträge gewidmet sind (IG-Farben-Gebäude, Frankfurt; Hotel Rittersturz, Koblenz; Jagdschloss Niederwald, Rüdesheim; Augustinerchorherrenstift, Herrenchiemsee; Museum Koenig und Bundeshaus, Bonn).
Auch die Rechtsprechung als wichtiges Element einer funktionierenden Demokratie kommt nicht zu kurz: So widmen sich Beiträge etwa dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dem Reichsgericht in Leipzig (heute Sitz des Bundessozialgerichts) oder dem Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin, das 1882 mit einem wegweisenden Urteil den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit etablierte und damit staatlicher Willkür Einhalt gebot.
Wie jeder Kanon reizt auch der vorliegende Band zu Widerspruch und Hinterfragen: So wäre es durchaus denkbar gewesen, auch problematische oder ambivalente Orte aufzunehmen, die für die Zerstörung oder den Missbrauch von Verfassungen stehen, wie etwa die Berliner Kroll-Oper oder den Palast der Republik als Tagungsort der DDR-Volkskammer.
Dies aber tut der Qualität keinen Abbruch: Der Bildband besticht sowohl durch die sehr ansprechenden Aufnahmen des Fotografen Alexander Telesniuk als auch durch die Prägnanz und Kompaktheit seiner Erläuterungen. So wird er nicht nur Kennern der Materie Anregungen geben können, sondern auch einer breiten Leserschaft, die sich auf die Spurensuche nach Verfassungsorten begibt.
Rezension: Dr. Marcel Böhles
Russell A. Miller/Markus Lang/Kai-Michael Sprenger
Verfassungsorte
Stationen auf dem Weg zur deutschen Demokratie
Kunth Verlag, München 2025, 224 Seiten, 29,95 €





