Gerade einmal 69 mal 49 Millimeter misst das Gebetbuch und doch gilt es als ein großartiges Kunstwerk, dass sogar der Künstler nach seiner Auftraggeberin „Meister der Claude de France“ genannt wird. Mit seinen bunten aber gleichsam dezenten und detailreichen Abbildungen passt das kleine Meisterwerk zu der zarten Gestalt und dem jungen Leben seiner Besitzerin. Der Künstler, dessen Herkunft ebenso unbekannt ist wie sein ursprünglicher Name, verband mit seinen Bildern die italienische und niederländische Kunst der Renaissance. Dazu Professor Eberhard König vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin: „In Tour konnte er eine Tradition aufnehmen, die mit Werken wie den Miniaturen der Brüder Limburg aus Paris und Bourges schon hundert Jahre zuvor geblüht haben.“
Erstaunlich ist die Präzision und farbenfrohe Ausgestaltung bei der Darstellung von insgesamt 132 Szenen des Lebens Jesu Christi, der Jungfrau Maria oder verschiedener Heiliger auf den 104 Seiten des Buches. Die faszinierende Vielzahl an Motiven und ihre detailreiche Illustration ziehen den Betrachter sofort in ihren Bann. Der Künstler achtete bei seiner Malerei aber nicht nur auf die mal idyllisch, mal dunkel und ein anderes Mal phantasievoll anmutende Darstellung der Landschaften, sondern auch auf Kleidung, Mimik und Gestik der Personen. Der leidende Christophorus beim Ertragen seiner Marter auf dem glühenden Stuhl, der sterbende Hieronymus oder die demütige Haltung der heiligen Veronika: Dem Künstler gelang es bei jeder der Miniaturen, den jeweiligen Charakter der Person oder Szene treffsicher in gehaltvolle Bilder zu übertragen. So ist es auch vielmehr die bildliche Umrahmung als der mitunter dekorativ wirkende Text selbst, durch die das Gebetbuch der Claude de France in seiner Gattung herausragt. Roger S. Wieck, Kurator der Handschriftenabteilung der Pierpont Morgan Library und ausgewiesener Experte des Genres, lobt den Künstler: „Der Stil des Meisters der Claude de France ist von äußerster Feinheit und Zartheit. […] Besonders gekonnt ist der Umgang des Künstlers mit atmosphärischer Tiefe, der die zarten Farbtöne der häufig im Hintergrund zu sehenden Landschaften und Stadtansichten aufhellt und noch vervielfältigt.“
Die weitere Geschichte des Gebetbuchs ist nicht vollständig zu rekonstruieren. Im 16. Jahrhundert ist lediglich eine spanische Notiz vorhanden, die besagt, dass das Buch der Insquisition unverdächtig erschienen sei. Vom Wiener Buchhändler H.P. Kraus nach dem Zweiten Weltkrieg erworben, wurde das Gebetbuch Ende der 1970er Jahre an den New Yorker Sammler und Galeristen Alexander Rosenberg verkauft. Zu der Edition gehört auch das Faksimile eines von Pablo Picasso für Rosenberg gestalteten Exlibris (Besitzzeichen). 491 Jahre nach Fertigung der Bilderhandschrift gelangte sie im Jahr 2008 durch eine private Schenkung in die Pierpont Morgan Library nach New York. Im vergangenen Herbst wurde das Gebetbuch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als der 2009 in Luzern gegründete Quaternio Verlag auf der Frankfurter Buchmesse die Faksimileausgabe des Kleinods vorstellte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ jubelte von dem „schönsten Buch der Messe“ (FAZ, 16.10.2009).





