Robin Hood: Bogenschütze für alle Fälle - wissenschaft.de | DAMALS
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Bogenschütze für alle Fälle
I kan noght parfitly my Paternoster as the preest it syngeth, But I kan rymes of Robyn hood and Randolf Erl of Chestre.“ Das Vaterunser könne er zwar nicht ganz genau wiedergeben, aber die Verse von Robin Hood und Randolf, dem Earl of Chester, die kenne er! Diese Worte legte William Langland im 14. Jahrhundert einer…
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Andere frühe Hinweise weisen auf einen Zusammenhang der Figur mit dem Wald hin: „Robyn Hode Inne Greenwoode Stode Godeman Was He“, kritzelte ein Kanzleischreiber im Jahr 1432 an den Rand eines Schriftstücks: „Robin Hood stand im grünen Wald. Er war ein guter Mann.“ Eine andere Notiz weist Robin einem konkreten Wald zu und gibt ihm seine bekannteste Waffe in die Hand: „Robyn hod in scherewod stod hodud adn hathud, hosut and schod Ffour and thuynti arowus he bar in hits hondus“ („Robin Hood stand in Sherwood mit Kapuze und Hut, Hosen und Schuhen, 24 Pfeile hielt er in seinen Händen“).
Der Name Robin, der Sherwood Forest, die Farbe Grün, die Pfeile für den Bogen – all diese wiederkehrenden Elemente sind in diesen knappen Hinweisen enthalten. Doch anders als im Fall des bei Langland erwähnten Earl Randulf of Chester lässt sich Robin Hood keiner bestimmten, historisch belegten Person zuordnen.
Leben in einem stets sommerlichen Wald an der Grenze zum königsfernen Norden
Ist von den frühesten „rymes of Robyn hood“ wenig bekannt, so sind aus dem 15. Jahrhundert einige Balladen überliefert, die Geschichten von Robin Hood und seinen Weggefährten erzählen. Wenngleich sie in der Summe nur wenige hundert Verse umfassen, liefern sie doch grundlegende Elemente des Stoffs – und lassen zugleich auch Raum für die Weiterentwicklung der Figur.
Diese frühen Geschichten sind Produkte ihrer Zeit, bleiben dabei aber stets Literatur. Sie sind in einer unbestimmten Vergangenheit angesiedelt, in der ein nicht näher bezeichneter König Eduard (Edward) herrscht. Diese Namenswahl verwundert wenig, regierten in England doch mehr als 100 Jahre lang, von 1272 bis 1377, Könige mit Namen Edward.
Neben der zeitlichen ist auch die räumliche Verortung der Balladen vage. Mit den realen geographischen Verhältnissen nehmen es die Geschichten nicht so genau. Auf den ersten Blick überraschend, spielt der Wald im Verlauf der Handlung eine eher untergeordnete Rolle. Die wichtigsten Szenen sind in der Stadt angesiedelt, zu welcher der Wald den Gegenpol bildet. Es ist ein imaginierter Wald, in dem stets Sommer herrscht, wo die Vögel zwitschern und in dem die Tiere friedlich grasen, der anders als in der Realität kein Wirtschaftsraum für Bauern und Köhler ist, sondern einen Rückzugsort für den Geächteten, den Outlaw, darstellt, der außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Ordnung steht.
Die Stadt in den Geschichten ist Nottingham, was insofern bezeichnend ist, als Nottingham die Grenze zwischen Süd- und Mittelengland und dem viel dünner besiedelten Norden markierte, der nicht nur weniger urban, sondern auch viel weiter vom Einfluss des königlichen Hofes entfernt war. Indem Robin Hood zwischen dem Wald und Nottingham pendelt, wandelt er zwischen der Welt des urbanen, zivilisierten Südens und jenem wilden, königsfernen Norden.
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Der frühe Robin Hood ist eine Figur an der Peripherie der mittelalterlichen Gesellschaft. Was er nicht ist: ein Rächer der Armen und Enterbten. In der vielleicht ältesten der überlieferten Balladen, „Robin Hood und der Mönch“, tritt er als glühender Verehrer Mariens auf, der nach Nottingham reisen will, um eine Messe zu besuchen. Auf dem Weg misst er sich mit Little John im Bogenschießen. Beide zerstreiten sich über den Ausgang des Wettschießens, Robin reist allein weiter, wird in der Stadt von einem Mönch erkannt und vom Sheriff gefangen gesetzt.
Als seine Gefährten im Wald davon hören, machen sich Little John und ein Mann namens Much auf den Weg, um ihn zu retten. Unterwegs töten sie den Mönch und dessen Pagen, erschwindeln sich vom König dessen Siegel, machen den Sheriff betrunken, töten den Kerkermeister, befreien Robin. Als der König feststellt, dass er ausgetrickst wurde, zürnt er jedoch nur kurz, weiß er doch die Treue von Robins Weggefährten höher einzuschätzen als deren Missetaten.
Ein Mann mit Langbogen, der die Logik des Profits missachtet
Auch die Ballade von Robin und dem Töpfer schildert den Konflikt mit dem Sheriff von Nottingham. Am Anfang steht ein Kampf Robins mit einem Töpfer, der Robin besiegt und so seinen Respekt und seine Freundschaft gewinnt. Beide tauschen daraufhin die Rollen. Robin reist als Töpfer verkleidet auf den Markt in Nottingham, wo er seine Ware weit unter Wert verschleudert und die letzten Töpfe der Frau des Sheriffs schenkt.
Der Sheriff lädt Robin daraufhin zum Bogenschießwettbewerb ein, den Robin gewinnt. Anschließend lockt er den Sheriff in den Wald, wo seine Bande ihn überfällt und seiner Wertsachen beraubt. Robin behält die Beute aber nicht, sondern schickt sie zurück zur Frau des Sheriffs und entlohnt den Töpfer großzügig für die auf dem Markt verschleuderten Waren.
Diese zweite Ballade endet mit einem Loblied auf die Yeomanry. Indem Robin als „Yeoman“ eingeordnet wird, erhält er einen Platz im sozialen Gefüge der Zeit – der jedoch gar nicht so einfach zu verorten ist. Der Begriff Yeoman wird im Deutschen häufig mit „Freisasse“ übersetzt. Tatsächlich ist es die Bezeichnung für so einen freien Bauern – jedoch nicht ausschließlich. In den „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer (14. Jahrhundert) tritt ein Yeoman als bewaffneter Bediensteter eines Ritters auf, ausgestattet unter anderem mit grünem Mantel, Pfeil und Bogen. Eine solche Bezeichnung als bewaffneter Diener war jedoch keinesfalls abwertend gemeint, ganz im Gegenteil: Chaucer selbst diente als valettus (Kammerdiener) und esquier (Knappe), ehe ihm ein bemerkenswerter sozialer Aufstieg gelang.
Die Waffe des Yeoman war der englische Langbogen. Auffallend ist, dass dieser in den Balladen nur selten im Kampf, sondern zuallererst im sportlichen Wettstreit eingesetzt wird. Dennoch verdient er Beachtung, verlangte seine gekonnte Handhabung doch einiges an Geschick und Kraft, also ein gewisses Expertentum.
Robin Hood wurde demnach ein sozialer Status zugeschrieben, der Respekt verlangte, aber doch vage genug war, um anschlussfähig zu bleiben. Die auffälligste Eigenschaft des frühen Robin Hood ist aber, dass er sich der modernen Welt der Stadt und des Handels versagt. Auf dem Markt folgt er nicht der Logik des Profits, sondern verschenkt seine Waren, wobei er den Töpfer später um ein Vielfaches des Wertes seiner Waren entschädigt und damit die klassische Tugend der Freigebigkeit unter Beweis stellt.
Innerhalb der Gruppe ist das höchste Gut die Treue – was König Eduard so sehr zu schätzen weiß, dass er über die Ermordung von Mönch und Kerkermeister hinwegsieht. Robin Hood und seine Kameraden stehen für eine frühere, bessere Zeit, in der Charakterfestigkeit noch etwas zählte; sie leben frei und ungebunden in einem Wald, in dem immer die Sonne scheint, und erwehren sich erfolgreich dem obrigkeitlichen Zugriff – der wohlgemerkt vom Sheriff, nicht vom König verkörpert wird. Letzterer steht über den Dingen.
Der Anführer ist auf die Treue seiner Kameraden angewiesen
Robin tut dies nicht. Er ist weder überlegener Held noch unangefochtener Anführer. Den Wettstreit mit Little John kann er ebenso wenig für sich entscheiden wie den Kampf mit dem Töpfer. Ohne seine Freunde ist er verloren und gerät in Gefangenschaft. Die Männer sind aufeinander angewiesen, der Anführer ist nichts ohne seine Kameraden.
Die Anwesenheit von Frauen würde diese Balance nur stören, sexuelle Rivalität die Dynamik verändern – von Maid Marian, in späteren Zeiten Robins Gefährtin, ist in den frühen Geschichten keine Spur zu finden.
Die Gemeinschaft in der Gruppe, Freiheit und ein Leben in einer idealisierten Naturlandschaft in einer alles andere als perfekten, aber doch besseren früheren Welt – das ist der Kern der frühen Balladen. Wer Robin Hood ist, wie er in den Wald gekommen ist, bleibt offen. Die Geschichten sind nicht auf einen bestimmten Zweck gerichtet. Robin Hood, seine Kameraden und selbst König Eduard haben keine Vergangenheit und keine Zukunft.
Einen frühen Versuch, wenigstens ein wenig Ordnung und Struktur in die Legende zu bringen, unternahm der anonyme Verfasser der „Gest of Robyn Hode“, die um 1500 in mehreren Drucken aufgelegt wurde. Viel länger als die Balladen, liefert der Text zwar
keine Vorgeschichte zu Robin Hoods Leben im Wald, wohl aber lässt der Autor seinen Helden sterben.
Der wichtigste Handlungsstrang erzählt von Robins erfolgreicher Hilfeleistung gegenüber einem Ritter, der von einem betrügerischen Abt um sein Vermögen gebracht wurde. Letztlich aber fällt Robin einer Intrige des durchtriebenen Klerus zum Opfer: Eine Nonne lässt ihn beim Aderlass verbluten. Besser schneidet erneut der König ab, der inkognito auftritt und Robin beim Bogenschießen besiegt.
Parallel zu den frühen Balladen tritt die Figur des Robin Hood als Hauptfigur von „play-games“ in Erscheinung. Dabei handelte es sich um Volksfeste, bei denen unter anderem Sportwettbewerbe veranstaltet und szenische Darstellungen aufgeführt wurden. Diese Robin-Hood-Spiele fanden zu Whitsun (Pfingsten) statt und markierten den Anfang jenes Sommers, dessen Lob auch in den Balladen einiger Platz eingeräumt wird. Ob Spiele oder Balladen zuerst kamen, ist nicht zu klären, die Spiele finden jedoch in den zeitgenössischen Quellen häufiger Erwähnung. So hält ein städtisches Rechnungsbuch aus Exeter im Jahr 1426 Ausgaben „lusoribus ludentibus lusum Robyn Hode“ fest, für „Spieler, die das Robin-Hood-Spiel spielen“.
Vor allem in den Dörfern und kleineren Städten im Südwesten Englands sind Robin-Hood-Spiele belegt. Diese waren nicht immer exakt gleich gestaltet, wiesen aber meist bestimmte, wiederkehrende Elemente auf: den feierlichen Einzug Robin Hoods und seiner Männer, die Aufführung meist improvisierter Szenen, Wettbewerbe im Ringen, Steinstoßen und Bogenschießen und schließlich einen geselligen Umtrunk, bei dem zugunsten eines gemeinnützigen Zwecks gesammelt wurde („Whitsun-ale“ oder „church ale“).
Spiele wie auch Balladen richteten sich an die unteren Volksschichten, wurden jedoch auch von höheren Schichten aufgenommen – bis hin zum Königshof. So wurde die englische Königin Katharina 1510 in ihren Gemächern von grün gekleideten, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Eindringlingen überrascht. Der 19-jährige König Heinrich VIII. und seine Hofleute hatten sich einen Scherz erlaubt.
In der Tudor-Ära findet Robin seine Maid Marian
Nach einer langen Phase wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit, Pest-Epidemien und den Rosenkriegen, stabilisierten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in der von den langen Regierungszeiten Heinrichs VIII. (1509 –1547) und Elisabeth I. (1558 –1603) geprägten Tudor-Ära. Die Bevölkerung wuchs, und niedriger genauso wie hoher Adel, aber auch das Bürgertum profitierten von der Entmachtung der Klöster.
Auch Robin Hood wurde nun ruhiger und sesshafter, jedenfalls als Figur akzeptabler für die etablierten Bevölkerungsschichten, indem eine Frau an seine Seite gestellt wurde. Maid Marian zivilisierte Robin, und ihr Auftreten verlieh den Geschichten zudem eine bis dahin ungekannte Linearität. Neue Autoren reihten nicht mehr nur einzelne Episoden aneinander, sondern gaben der Handlung einen Rahmen, innerhalb dessen sich Robin entwickeln konnte.
Auch die Form der Darstellung entwickelte sich weiter. In einer Phase großer konfessioneller Spannungen waren die Pfingstspiele der Regierung Elisabeths ein Dorn im Auge. Dafür fand Robin Hood seinen Weg auf die Bretter der Londoner Theater, wo Shakespeare & Co. eifrig mittelalterliche Stoffe verarbeiteten. Die erfolgreichste Robin-Hood-Adaption aus dieser Zeit stammt aus der Feder des Vielschreibers Anthony Munday (1560–1633), der sich im Auftrag des bekannten Theaterdirektors Philip Henslowe des Stoffes annahm.
Munday gab Robin Hood eine adlige Abstammung und machte aus ihm Robert, Earle of Huntington. Seine Bearbeitung erhielt von den Literaturwissenschaftlern späterer Jahrhunderte schlechte Kritiken, scheint jedoch den Geschmack der Zeit getroffen zu haben. Auch Shakespeare sah sich gezwungen, auf das Stück zu reagieren. In „Wie es euch gefällt“ schickt er den vom Hof verbannten Herzog schnurstracks in den Wald, „und viele lustige Leute mit ihm, und dort leben sie
wie der alte Robin Hood aus England“ (1. Akt, 1. Szene).
Scotts „Ivanhoe“ macht ihn zum Gegenspieler der Normannen
Einige schottische Historiker hatten sich unterdessen bereits an die ernsthafte Suche nach einem realen Vorbild Robins gemacht. Der anerkannte Gelehrte John Major erwähnte ihn in seiner „Historia Majoris Britanniae“ (1521) und revolutionierte ganz nebenbei den Stoff, indem er Robin in der Zeit von Richard Löwenherz (1189–1199) und Johann Ohneland (1199 –1216) verortete und aus ihm einen Kämpfer für die rechtmäßige Regierung Richards gegen die illegitime Herrschaft Johanns machte. Noch folgenschwerer war ein anderer Hinweis seiner „Historia“: „Nie ließ er zu, dass einer Frau ein Unrecht getan wurde, noch beraubte er die Armen, sondern machte sie reich durch das, was er den Äbten genommen hatte.“
En passant schuf Major in wenigen Sätzen die Eckpfeiler der modernen Robin-Hood-Legende – was gleichwohl nicht hieß, dass der Stoff nicht weiterhin in diese oder jene Richtung, für dieses oder jenes Publikum, bearbeitet werden konnte. Ein wichtiges Element fügte niemand Geringeres als Sir Walter Scott der Sage hinzu: In „Ivanhoe“ (1820) ließ er Robin Hood als adligen Outlaw „Robin of Locksley“ an der Seite von Richard Löwenherz gegen Johann Ohneland kämpfen.
Das Neue daran war, dass Scott seine Geschichte um den Konflikt zwischen Angelsachsen und Normannen spann. Die These vom vermeintlichen „normannischen Joch“ war nicht neu, doch erst Scott wies Robin Hood seine Rolle darin zu, indem er ihn zum Anführer einer Gruppe angelsächsischer Rebellen machte. Mit dieser Innovation rettete Scott die Figur des Robin Hood durch das 19. Jahrhundert – bis das Kino ihr endgültig zur Unsterblichkeit verhalf.
Die Zahl der filmischen Adaptionen der Robin-Hood-Legende ist kaum zu überschauen. Bekannte Schauspieler wie Douglas Fairbanks (1922), Errol Flynn (1938), Sean Connery (1976), Kevin Costner (1991) und Russell Crowe (2010) nahmen sich der Rolle an und stellten sie ganz unterschiedlich dar, mal aristokratisch (Fairbanks), mal lässig und überaus amerikanisch (Costner), mal müde und desillusioniert (Connery). Auch politisch erwies sich der Stoff einmal mehr als anpassungsfähig. Der Sheriff von Nottingham erinnert in einem Fall an englische Kolonialherren (1922), in einem anderen an Nazi-Schergen (1938). Robin gibt sich seinerseits als Kämpfer für die gute Sache (vor dem Hintergrund des Golfkriegs 1991) oder des Kampfes müde (in der Vietnam-Krieg-Ära 1976).
Bis heute entzieht sich die Figur des Robin Hood jeder eindeutigen Interpretation. So taugt sie als Identifikationsfigur für Umweltschützer ebenso wie für Finanzdienstleister – und bleibt doch größer als alle, die sie zu vereinnahmen versuchen.
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