Judith Rosens aktuelle Bonifatius-Biographie trägt einen Untertitel, der eine Umdeutung anzudeuten scheint: vom „Apostel der Deutschen“ zum „europäischen Heiligen“. Die Althistorikerin verfügt über einige genrespezifische Erfahrungen. Sie legte bereits mehrere Biographien vor, deren Spektrum von Gründern und Gründerinnen von Ordensgemeinschaften und sozial-caritativen Einrichtungen im 19. Jahrhundert bis zu Martin von Tours (um 336–397) reicht. Die historische Einbettung ihrer Hauptfigur darf auch durchgehend als gelungen bezeichnet werden. Seine Situierung im Übergang von der Antike zum Mittelalter, seine Rolle im angelsächsischen Missionswerk und die Verstrickungen in die politischen Auseinandersetzungen innerhalb des Frankenreichs zeugen von präzisen historischen Kenntnissen.
Genretypisch beginnt Rosen ihren Blick mit der Herkunft und Ausbildung Bonifatius’ in der angelsächsischen Heimat, um dann dessen Leben und Wirken auf dem Kontinent zu beleuchten. Den zweiten Teil des Buches füllen thematisch orientierte Annäherungen an missionarische Strategien, zentrale Reformanliegen, individuelle Spiritualität und das Nachleben des Bischofs.
Einem Grundproblem kann sich Rosen allerdings nicht entziehen: die frühmittelalterliche Quellenarmut. Es existieren insgesamt 150 authentische Briefe von und an Bonifatius sowie eine wenige Jahre nach seinem Tod entstandene Lebensbeschreibung. Allerdings schränken literarische Konventionen, Stilwille, legendarische Topik und Quellenfiktionen den Wert dieser Quellen ganz erheblich ein, was Rosen in den meisten Fällen auch gut einzuordnen weiß (S. 34f., 109). Mitunter erliegt sie jedoch der Versuchung, den Quellen individuelle Züge entnehmen zu dürfen. Skepsis bleibt angebracht, ob Bonifatius wirklich „ein nachdenklicher Junge“ (S. 36) war, eine „gerechte und milde Art“ (S. 49) hatte oder ein „überbordendes Talent“ (S. 50).
Eine mitunter mangelnde Distanz zu ihrem „heiligen Helden“ mindert freilich nicht den Wert einiger besonders starker Kapitel. Hervorzuheben sind die intensiven Blicke auf die Frauen im Umfeld des Heiligen und die bedeutende Rolle der Frauenklösternetzwerke zur Unterstützung der Mission. Als gelungen darf auch das Schlusskapitel bezeichnet werden. Es beleuchtet die Deutungs- und Vereinnahmungsstrategien der Nachwelt. Die aktuelle Tendenz zur Umdeutung Bonifatius’ zum „europäischen Heiligen“ ordnet Rosen solide als auch nur dem gegenwärtigen Bedürfnis nach mehr europäischen Perspektiven geschuldet kritisch ein.
Rezension: Prof. Dr. Rainer Leng
Judith Rosen
Bonifatius
Der europäische Heilige
wbg Theiss, Darmstadt 2022, 272 Seiten, € 32,–





