Die von dem Stadtbaurat Max Berg entworfene Stahlbeton-Konstruktion mit einer Kuppel von 65 Metern Spannweite, damals die größte der Welt, wurde als Teil eines neuen Ausstellungsgeländes zur “Jahrhundertfeier” von 1913 errichtet. Mit dieser Halle wollte die Stadt Breslau an den Aufruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. 100 Jahre zuvor erinnern. Dieser hatte 1813 von Breslau aus seine Untertanen zum Befreiungskampf gegen Napoleon angehalten.
Heute bezeichnen rund 50 Prozent der Breslauer dieses Maßstäbe setzende Gebäude mit dem polnischen Wort „Hala Stulecia”, das ist die wörtliche Übersetzung des ursprünglichen Namens „Jahrhunderthalle” aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs. Die andere Hälfte bevorzuge dagegen den Namen „Hala Ludowa” („Volkshalle”) – die Bezeichnung aus der kommunistisch dominierten Nachkriegszeit, als Breslau polnisch geworden war. Das berichtete der Breslauer Wissenschaftler Prof. Dr. Marek Halub bei einem Gespräch mit der DAMALS-Reisegruppe. Marek Halub ist stellvertretender Direktor des Germanistischen Instituts der Universität Breslau, des größten Germanistischen Instituts außerhalb Deutschlands.
In der Nachkriegszeit hätten die neuen Machthaber jegliche Spuren der nicht-polnischen Vergangenheit Breslaus tilgen wollen, erläuterte Halub, und die vor einiger Zeit per Umfrage ermittelten Namensvarianten für das architektonische Wahrzeichen spiegelten bis heute die kulturelle Zerrissenheit in der Stadt wider.
Kulturhauptstadt Europas 2016
Der Wissenschaftler sieht die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen auf dem besten Niveau, das es jemals gegeben habe. Das habe unter anderem damit zu tun, dass seit 1989 – mit dem Ende der kommunistischen Ära – auch in Polen allmählich wieder alle kulturellen Einflüsse wahrgenommen würden, die für die Geschichte des Landes maßgeblich gewesen seien. Für Schlesien und damit auch Breslau seien dies neben den Prägungen aus der Zeit der polnischen Könige, die habsburgischen, die preußischen, die deutschen von Beginn des Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sowie die polnischen nach 1945.
Nach Einschätzung Halubs gibt es immer noch keine fest gefügte Breslauer Identität, denn schließlich sei die polnische Bevölkerung, die mit dem Kriegsende, parallel zur Vertreibung der Deutschen aus Schlesien, in die Stadt an der Oder gekommen sei, selbst Opfer von Vertreibung aus den bis dahin polnischen Ostgebieten geworden. Bis heute identifizierten sich viele Breslauer mit ihren Herkunftsregionen wie beispielsweise Lemberg (Lwiw, Ukraine).
Wenn 2016 Wroclaw/Breslau für ein Jahr die Kulturhauptstadt Europas ist, will der Wissenschaftler in einer Vortragsreihe die vielfältigen historischen und kulturellen Prägungen der Stadt und Schlesiens insgesamt herausarbeiten. Sein Ziel sei es, möglichst breite Bevölkerungskreise auf ihre vielfältigen Wurzeln aufmerksam zu machen.





