Die erste Bronzezeit-Reisende: Nur in Einzelfall?
Es begann mit dem “Mädchen von Egtved” – einer der am besten erhaltenen und dokumentierten Toten der Bronzezeit in Europa. Die 3400 Jahre alten, auf Jütland entdeckten Überreste dieser jungen Frau waren erstaunlich gut konserviert. Kleidung, Grabbeigaben und Bronzeschmuck deuteten daraufhin, dass sie zu Lebzeiten eine hohe Stellung gehabt haben musste. Im Jahr 2015 dann ergab eine nähere Analyse der Toten Erstaunliches: Die junge Bronzezeit-Frau stammte nicht aus Dänemark, sondern war im Schwarzwald geboren und aufgewachsen.
“Das ist ungewöhnlich, denn bis dahin glaubte man, dass damals nur Männer so weite Reisen machten”, erklärt Karin Frei vom Nationalmuseum Dänemarks in Kopenhagen. “Doch das Mädchen von Egtved belehrte uns eines Besseren.” Offen blieb damals jedoch die Frage, ob das Mädchen von Egtved in dieser Hinsicht eine Ausnahme war oder ob Frauen in der mitteleuropäischen Bronzezeit tatsächlich mobiler waren als bisher angenommen.
Ein zweites Mädchen
Um diese Frage zu klären, haben Frei und ihre Kollegen nun eine weitere berühmte Tote aus der Bronzezeit untersucht: das aus der Zeit um 1300 vor Christus stammende “Mädchen von Skrydstrup”. Die Überreste dieser bei ihrem Tod 17-jährigen Frau wurden 1935 in einem Grabhügel im Süden Jütlands entdeckt – und auch ihre Ausstattung deutet auf eine gehobene Stellung in der damaligen Gesellschaft hin.
Die Archäologen ermittelten die Herkunft und mögliche Reisegeschichte dieser Bronzezeit-Toten mit Hilfe der Isotopenanalyse in ihren Zähnen, Haaren und Knochen. Weil diese Elementvarianten aus der Nahrung und dem Trinkwasser aufgenommen und in die Körpergewebe eingebaut werden, lässt sich an ihrer Zusammensetzung rekonstruieren, wo sich ein Mensch während seiner Lebenszeit länger aufgehalten hat. “Die langen Haare des Mädchens von Skrydstrup ermöglichten es mir, ihre letzten vier Lebensjahre sehr genau zu rekonstruieren”, berichtet Frei. Eine Zahnprobe verriet, wo die junge Frau ihre Kindheit verbracht hatte.
In Böhmen oder Deutschland geboren
Das überraschende Ergebnis: Auch das Mädchen von Skrydstrup stammte nicht aus Dänemark sondern war in ihrem jungen Leben schon weit gereist. Wie die Forscher ermittelten, muss sie mehrere hundert Kilometer weiter südlich geboren worden und aufgewachsen sein – möglicherweise in Böhmen, Frankreich oder dem Süden Deutschlands. “Noch sind wir dabei herauszufinden, woher die junge Frau genau stammte”, erklärt Frei.
In jedem Falle zeigen die Analysen, dass das Mädchen von Skrydstrup im Alter von 13 oder 14 Jahren nach Dänemark kam und dann die Zeit bis zu ihrem Tod mit 17 Jahren auf Jütland verbrachte. Damit hat diese junge Frau offenbar eine ganz ähnliche Geschichte wie das Mädchen von Egtved: Beide machten schon als Kinder eine weite Reise von ihrer Heimat bis nach Dänemark und beide starben sehr jung.





