Das besetzte Polen: Brutale Fremdherrschaft - wissenschaft.de | DAMALS
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Brutale Fremdherrschaft
Fast zeitgleich mit dem „Überfall“ Deutschlands auf Polen griff auch die Sowjetunion das Land an. Es folgten Jahre der Unterdrückung und Verfolgung. Im deutsch besetzten Polen starteten „Einsatzgruppen“ den Massenmord an den Juden.
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Auch wenn sie sich verzweifelt wehrten: Die polnischen Truppen hatten dem deutschen Vorrücken seit dem 1. September 1939 nicht viel entgegenzusetzen. Französische und englische Hilfe blieb aus, technisch war man der Wehrmacht – mit ihrer Luftwaffe und ihren Panzern die modernste Streitmacht Europas – hoffnungslos unterlegen. Die deutschen motorisierten Einheiten drangen innerhalb weniger Tage bis Warschau vor. Mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs hatte das wenig zu tun, das war der von Kriegstheoretikern seit den 1920er Jahren vorhergesagte „Krieg der Zukunft“.
Ein letztes Aufbäumen der polnischen Einheiten, die sich Mitte September nach einem überhasteten Rückzug westlich von Warschau an der Bzura gesammelt hatten, wurde obsolet, als am 17. September die Rote Armee das Land von Osten her besetzte: In einem Zweifrontenkrieg war das geschwächte Land chancenlos.
Unter ihrem legendären Stadtpräsidenten Stefan Starzy´nski, einem Veteran des Ersten Weltkriegs, verteidigte sich die Hauptstadt noch verzweifelt, um schließlich am 28. September zu kapitulieren. Mit den letzten versprengten Truppenteilen im Osten des Landes wurde die Rote Armee schnell fertig.
Danach wurde Polen entlang einer Demarkationslinie zwischen dem „Dritten Reich“ und der Sowjetunion aufgeteilt. Beide Besatzungsregime unterdrückten und verfolgten die Bevölkerung in ihrem Machtbereich mit äußerster Brutalität.
In der Tat glichen sich vor allem in der Anfangsphase der Besatzung die Methoden beider Invasoren, die auch vor Massenverschleppungen und Massenmord nicht zurückschreckten. Deutschland hatte – bis auf das sogenannte Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete in Zentralpolen – die westlichen Landesteile annektiert und dem Territorium des Reichs zugeschlagen, die Sowjetunion verfuhr mit dem gesamten von ihren Truppen besetzten östlichen Teil ebenso.
Deportation und Neuansiedlung
Beide Besatzer begannen nun mit einem Bevölkerungsaustausch gigantischen Ausmaßes: In den neuen deutschen Reichsgauen „Danzig-Westpreußen“ und „Wartheland“ startet man damit, Hunderttausende christliche und jüdische Staatsbürger der Zweiten Polnischen Republik in das „Generalgouvernement“ abzutransportieren. An ihrer Stelle sollten in den annektierten Gebieten „Volksdeutsche“ – Angehörige der deutschen Minderheiten im Baltikum und der Sowjetunion – angesiedelt werden.
Im nun sowjetischen Ostpolen wurden Hunderttausende als politisch unzuverlässig eingestufte Personen samt ihren Familien – ebenfalls weitgehend Polen und Juden – nach Sibirien deportiert. Ironie des Schicksals: Die meisten der jüdischen Deportierten entgingen damit der Ermordung durch die Deutschen im Zuge des Angriffs auf die Sowjetunion seit Sommer 1941.
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Weniger Glück hatte die jüdische Bevölkerung im deutsch besetzten Teil Polens: Bis Ende 1939 fielen nach polnischen Schätzungen mindestens 7000 Männer, Frauen und Kinder aus ihren Reihen Erschießungen und Brandstiftungen zum Opfer.
In der polnischen Kleinstadt Przemyśl an der Demarkationsgrenze kam es am 18. und 19. September zu einem Massaker an der jüdischen Einwohnerschaft mit zwischen 500 und 800 Opfern. Und in der Ortschaft Ostrów Mazowiecka nordöstlich von Warschau ermordeten deutsche Polizisten im November 1939 unterschiedslos alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder.
Diese „ethnischen Säuberungen“ der Anfangszeit dienten offenkundig dem Ziel, nahe der Grenze zum sowjetisch besetzten Gebiet Angst und Schrecken zu verbreiten, um so die jüdische Bevölkerung zur Massenflucht aus dem deutschen Machtbereich zu bewegen.
Zu diesem Zeitpunkt stand jedoch eigentlich eine andere Gruppe innerhalb der einheimischen Bevölkerung im Fokus der Deutschen, der aber ebenfalls viele Juden angehörten: die polnischen Eliten. Aus ihren Reihen, so die Annahme mit einem Blick auf die polnische Geschichte im 19. Jahrhundert, habe sich immer der Widerstand gegen eine Fremdherrschaft rekrutiert.
Hitler hatte daher bereits vor dem Überfall eine „politische Säuberung“ befohlen: Angehörige der polnischen gebildeten und politischen Kreise sollten rücksichtslos verfolgt und ermordet werden. Besonders in den annektierten Westgebieten wütete somit in den ersten Wochen und Monaten der Besatzung ein gnadenloser Terror gegen Polen und Juden, bis Ende 1939 wurden – die genauen Zahlen werden wir wohl nie erfahren – weit über 50 000 Männer ermordet.
Die sowjetischen Machthaber ließen sich von einem ganz ähnlichen Kalkül leiten: Auch in diesem besetzten Teil Polens richtete sich das Misstrauen vor allem gegen die Bildungsschichten. In den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern befanden sich nun über 20 000 Offiziere, also Mitglieder ebendieser gesellschaftlichen Elite. Im April 1940 ließ Stalin sie durch die Geheimpolizei NKWD in der Nähe von Katyn und anderen Orten in der heutigen Ukraine durch Genickschuss umbringen.
Deutsche Männer werden in Polen zu Massenmördern
Konfrontiert mit diesen Massenverbrechen, die am 1. September 1939 einsetzten und später in den Holocaust mündeten, hat sich die Wissenschaft spätestens seit den 1990er Jahren die Frage gestellt, wie Männer gewissermaßen über Nacht zu gewissenlosen Mördern werden können. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Heute werden die Erklärungsansätze des Historikers Christopher Browning und des Soziologen Harald Welzer – und vieler anderer, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen – weitgehend akzeptiert: Nach ihren Erkenntnissen gehörte eine tödliche Mischung ideologischer und situativer Faktoren dazu, um in Männergemeinschaften die Bereitschaft zu hemmungsloser Gewalt zu erzeugen.
Zu den ideologischen Faktoren gehörte dabei zumindest teilweise eine Verinnerlichung des staatlichen Narrativs, in dessen Rahmen die Morde angeordnet wurden. Im Fall von NS-Deutschland wurden Nicht-Deutsche, vor allem Slawen und Juden, als „Reichsfeinde“ und somit als Bedrohung angesehen. Ihre Verfolgung und ihre Ermordung wurden zu einem Akt der Selbstverteidigung umgedichtet.
Hinzu kamen jahrhundertalte Vorurteile gegen die Bevölkerung von Landstrichen, die man auf einer niedrigeren Stufe verortete – nach der damaligen Vorstellung eines west-östlichen Kulturgefälles.
Zu den situativen Faktoren gehörten Befehle, auf die man sich berufen und somit die Verantwortung von sich abwälzen konnte; der Gruppendruck durch die Erwartungshaltung derjenigen Kameraden, die sich freiwillig am Morden beteiligten; die Tatsache, sich als kleiner militärischer oder polizeilicher Verband inmitten eines unüberschaubaren Feindeslandes zu befinden; aber auch die ungewohnte Situation der ersten Wochen des Einmarsches oder die Brutalisierung, die der Einsatz an der Front generell mit sich brachte.
All diese Faktoren lassen sich bereits auf dem ersten Kriegsschauplatz der Wehrmacht ausmachen. Ein Blick auf drei unterschiedliche Tätergemeinschaften – deutsche Polizisten, Angehörige der deutschen Minderheit in Polen und deutsche Soldaten – verschafft hier erschreckende Einblicke in eine Welt fern der bürgerlichen Behaglichkeit, aus der die meisten ihrer Mitglieder in den Krieg aufgebrochen waren.
Grenzen der Brutalität werden immer weiter verschoben
Mit der Verfolgung und der Ermordung von Teilen der polnischen Zivilbevölkerung waren die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei – wie wir aus Verhören ehemaliger Mitglieder nach dem Krieg wissen – vor dem Beginn der Aktionen mündlich beauftragt worden. Von den gebildeten Kreisen der polnischen Gesellschaft, so wurde ihnen gesagt, ginge eine unmittelbare Gefahr für das deutsche Volk aus. Daher wurden Massenverhaftungen und Exekutionen angeordnet.
Nach dem Einmarsch in Polen loteten die Polizisten den ihnen gegebenen Spielraum aus: Zunächst berichteten sie über die Erschießung von Einzelnen, dann von Dutzenden. Die Opferzahlen stiegen ständig an. Die Kommandeure der Einsatzgruppen fuhren wöchentlich von Polen ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin, um sich dort in Amtschefbesprechungen neue Weisungen zu holen.
Offenbar bestätigt in ihrem Vorgehen, gingen ihre Mordziffern im besetzten Polen immer weiter nach oben. Dabei ließen sich die Männer von einer seltsamen Doppelmoral leiten, denn während die Morde an Tausenden Polen und Juden offenbar wenig Eindruck auf sie machten, konnten sie sich über unkameradschaftliches Verhalten oder einen ungerechten Vorgesetzten, der etwa seinen Hund schlecht behandelte, empören.
Der Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich, der die Massenmorde angeordnet hatte, ließ den Leiter eines Einsatzkommandos zur Wehrmacht strafversetzen, weil dieser sich in Polen einen chinesischen Diener angeschafft hatte, den er den Hitlergruß ausführen ließ. Zudem hatte der Kommandeur einen jüdischen Tenor vor dessen Ermordung in seinem Haus ein Konzert geben lassen.
Harald Welzer erklärt diese Diskrepanz mit einer Verschiebung des Wertesystems, die typisch für totalitäre Regime ist: Eine radikale Ideologie erklärt gewisse Menschen – hier Polen und Juden – zur Bedrohung und siedelt sie unterhalb von Tieren an. Zugleich herrscht in den Täterkreisen ein perverser Ehrenkodex, der angeblich „anständiges Verhalten“ definiert.
Im Rückblick stilisierten sich ehemalige Täter in ihren Verhören gar als Leidtragende, weil sie eine zwar notwendige „Arbeit“ hatten verrichten müssen, die ihnen aber Furchtbares abverlangt hätte. Der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler fasste diese Verhöhnung der Opfer und die Heroisierung der Täter in Worte, als er 1943 in Posen vor höheren SS-Führern in Bezug auf die Massenmorde im Osten ausführte: „Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“
Für die Männer der Einsatzgruppen waren ihre Opfer eine anonyme Masse, deren Sprache sie nicht verstanden, was ihnen das Morden in gewisser Weise erleichtert haben dürfte.
Ganz anders verhielt es sich bei ihren Helfern: Anfang September 1939 waren Tausende Angehörige der deutschen Minderheit in Polen zu einem „Volksdeutschen Selbstschutz“ zusammengefasst worden. Sie spielten nicht nur eine zentrale Rolle beim Aufspüren und Identifizieren der Opfer, die sie ja als Nachbarn kannten, sondern manche von ihnen taten sich auch bei deren Liquidierung mit besonderer Grausamkeit hervor.
Aufgestauter Frust vieler im polnischen Staat verbrachter Jahre, in denen Angehörige der deutschen Minderheit als Bürger zweiter Klasse gegolten hatten, dürfte hierbei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Möglichkeit, unter den neuen Herrschaftsverhältnissen alte private Rechnungen zu begleichen.
Es gilt aber auch festzuhalten, dass ein großer Teil der deutschen Minderheit in Polen vor dem Krieg friedlich mit seinen polnischen Nachbarn zusammengelebt hatte und sich unter der deutschen Besatzung nicht an Verbrechen beteiligte.
Auch die Wehrmacht ist in Polen in Kriegsverbrechen verstrickt
Ganz anders geartet ist wiederum die Motivlage bei deutschen Soldaten, die ebenfalls im September 1939 während des Vormarschs Tausende polnische und jüdische Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – ermordeten. Ihnen war zuvor kein Befehl hierzu erteilt worden. Dennoch setzten die Brandstiftungen und Erschießungen in polnischen Ortschaften bereits am ersten Tag des Krieges ein.
Viele von ihnen marschierten mit einem ähnlichen Weltbild in Polen ein, wie es unter den Einsatzgruppen verbreitet gewesen war: Polen galt in Deutschland allgemein als unterentwickelt, seine Bevölkerung als unberechenbar und zum Widerstand neigend. Hinzu kamen für die meist jungen Soldaten – der Altersdurchschnitt an der Front lag bei 23 Jahren – die ideologische Prägung in der Hitlerjugend und im Arbeitsdienst.
Radikalisierend wirkten zudem Weisungen, die unmittelbar vor Angriffsbeginn von der Wehrmacht erlassen wurden und die polnische Zivilbevölkerung als eine Gefahr für die Truppe bezeichneten. Mit Brunnenvergiftungen und Partisanentätigkeit sei immer und überall zu rechnen.
Aus Feldpostbriefen sowie privaten und offiziellen Kriegstagebüchern bzw. Erfahrungsberichten der Wehrmacht wissen wir, dass die Truppe sich in den ersten Tagen des Krieges in einem Kampf mit einer riesigen Widerstandsbewegung wähnte, die in der Realität nicht existierte.
Aus Fällen von „friendly fire“ wurden so in der Wahrnehmung der unerfahrenen Soldaten nächtliche Partisanenüberfälle. Ortschaften, in denen sich dies abspielte, wurden niedergebrannt, die männlichen Einwohner erschossen. Die Raserei beschrieb ein Soldat in seinem Tagebuch: „Als die Aktion beendet ist brennt das ganze Dorf. Am Leben blieb niemand, haben auch alle Hunde erschossen. F. braucht für einen Mann sechs Schuss Pistolenmunition.“ Browning nennt dieses Phänomen „Schlachtfeldraserei“.
Bezeichnenderweise entwickelten sich die Opferzahlen solcher Wehrmachtsübergriffe in genau entgegengesetzter Richtung wie die der Einsatzgruppen, nämlich nach unten. Als sich in der Wehrmacht die Erkenntnis durchsetzte, dass es zu diesem Zeitpunkt des Kriegs noch gar keine polnische Partisanenbewegung gab – diese entwickelte sich als self-fulfilling prophecy erst in Reaktion auf die deutschen Verbrechen –, wurden die Soldaten zur Räson gerufen, da ihre Racheakte wertvolle Vorräte und Unterkünfte zerstörten.
Dieses Argument wiederum spielte für die deutsche Luftwaffe keine Rolle, die im September 1939 Hunderte polnische Ortschaften, meist keine militärischen Ziele, bombardierte und somit ebenfalls Tausende Zivilisten tötete.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen und der Aufteilung Polens in ein deutsch und ein sowjetisch besetztes Gebiet festigten sich seit Oktober 1939 die neuen Verhältnisse. Die mobilen Einsatzgruppen wurden zu stationären Gestapo-Stellen umgebildet, die Wehrmacht schickte ihre Soldaten bald auf den nächsten Kriegsschauplatz Frankreich, später in die Sowjetunion.
Das „Generalgouvernement“ wird zum rechtsfreien Raum
Viele Angehörige der deutschen Minderheit in Polen ließen sich als Reichsbürger und Reichsbürgerinnen zweiter Klasse in einer „Volksliste“ registrieren, womit sie von der Verfolgung der nicht-deutschen Bevölkerung ausgenommen waren.
Während in den „eingegliederten Gebieten“ im Westen die „Germanisierung“ durch Deportationen weiter vorangetrieben wurde, firmierte das „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ in der nationalsozialistischen Ideologie als ein rechtsfreier Raum, es wurde auch als „Kehrichthaufen Europas“ und „Abladeplatz“ – also im heutigen Sprachgebrauch als Müllhalde – bezeichnet. Hierhin sollten alle Polen und Juden aus den annektierten Gebieten verbracht werden.
Innerhalb des Generalgouvernements wurden die Juden wiederum in Ghettos von der restlichen Bevölkerung getrennt, wo bald ein Massensterben durch Unterversorgung und mangelnde Hygiene einsetzte. Kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 begannen die Deutschen dort und im Generalgouvernement mit der systematischen Ermordung der europäischen Juden.
Die nicht-jüdische Bevölkerung war den Launen der Besatzer hilflos ausgeliefert. Das Land wurde ausgeplündert, mit zunehmendem Widerstand wurden die Repressalien immer brutaler.
Etwa eineinhalb Millionen polnische Frauen und Männer wurden zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Ein Großteil der schätzungsweise 150 000 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die den oftmals unmenschlichen Einsatz in Deutschland nicht überlebten, stammte aus Polen.
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