Unter dem Vorzeichen der Neuorientierung tun sich kreative Freiräume für Laborarbeit und Experimente auf, deren Ergebnisse in die Neukonzeption künftiger Ausstellungsformate und einer neuen Dauerausstellung einfließen sollen. Die Direktorin des Münchner Stadtmuseums, Dr. Frauke von der Haar, blickt in die Zukunft: „Nach der Wiedereröffnung steht den Münchnerinnen und Münchnern in der Mitte der Stadt ein neuer, sich organisch entwickelnder Ort zur Verfügung, an dem sie gemeinsam mit dem Museum ihre Stadtgeschichte gestalten können.“
Immer in Bewegung bleiben: Ausstellen neben Baustellen
In der Übergangsphase werden eingeführte und bewährte Formate zunächst einmal fortgeführt. So die Theaterfestivals der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei, etwa das „Kuckuck-Festival“. Am St.-Jakobs-Platz bleibt das Filmmuseum präsent und bietet bis Mitte 2027 weiterhin ein hochklassiges Filmprogramm an.
In der noch zugänglichen spätgotischen Erdgeschosshalle im ehemaligen Zeughaus gibt das Münchner Stadtmuseum – ebenfalls noch bis Mitte 2027 – einen Einblick in einzelne Facetten künftiger Präsentationen. Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „What the City. Perspektiven unserer Stadt“ durchschreiten einen Rundgang, der bestimmte Zuschreibungen Münchens kritisch hinterfragt und dadurch zur eigenen Urteilsbildung anregt. In der interaktiven und barrierefrei zugänglichen Schau mit Laborcharakter, an der Kuratorinnen und Kuratoren aus fast allen Sammlungsbereichen des Hauses beteiligt waren, werden Ansätze ausprobiert, deren Ergebnisse in die Überlegungen zur Neugestaltung des Museums einfließen. Dabei treten unterschiedliche Lebensrealitäten der Münchnerinnen und Münchner hervor, die über eine klischeehafte Selbst- und Fremdwahrnehmung der Stadt hinausgehen. Sie zeichnen in zehn Kapiteln ein vielstimmiges Bild: Es geht um Themen wie Wohnen und Stadtentwicklung, Nachhaltigkeit und Ökologie, Sicherheit und Überwachung, Reichtum und Armut. Auch die changierenden Rollen von Kunst, Popkultur oder des Oktoberfests werden behandelt, queere und (post)migrantische Perspektiven eingeführt, wobei die Menschen auch selbst zu Wort kommen.
Eine WebApp erweitert den analogen Ausstellungsraum ins Digitale. Für Gehörlose vermittelt sie die einzelnen Inhalte in deutscher Gebärdensprache. Außerdem führt eine eigene Audiospur blinde und seheingeschränkte Menschen durch die Ausstellung.
Zu den zweifellos auffälligsten digitalen Projekten der Interimszeit zählt ein Projekt, das von der Sammlung Musik, der Provenienzforschung, der Sammlung Online, der Restaurierung und dem Zentralen Bildarchiv gemeinsam bearbeitet wird: Die Sammlung Musik gehört mit ihren gut 6000 Objekten zu den größten und wichtigsten ihrer Art in Deutschland und Europa. Allerdings gelangte rund die Hälfte dieser Instrumente aus außereuropäischen Regionen unter teils problematischen Umständen in den Besitz der Landeshauptstadt München. Im Zusammenhang mit aktuellen Diskursen zur Erforschung kolonialer Sammlungsbestände unter dem Stichwort „Beutekunst“, werden diese Objekte digital erschlossen und offengelegt. Damit stellt sich das Münchner Stadtmuseum seiner in Teilen problematischen Sammlungsgeschichte.





