Prof. Dr. Uwe Walter
Was fasziniert heute an zwei alten Spielfilmen, „The Iron Horse“ (1924) und „Duel“ (1971)? In ihnen kann man zusehen, wie zwei große Regisseure – John Ford und Steven Spielberg – gerade ihr Kino erfinden, wie sie mit Licht und Landschaft, Motiven, Figuren und Erzählweisen experimentieren, wie sie sich herantasten an den unverwechselbaren Stil, der dann ihre klassischen Werke ausmachen sollte.
Die Selbstformung des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt (1818–1897) lässt sich an den frühen Vorlesungen erkennen, die er in den 1840er Jahren in Basel hielt. Das Kolleg „Deutsche Geschichte“ des 25-jährigen Dozenten umfasste die Zeit von den Germanen und Kelten bis Heinrich I., mit dem „die Geschichte des deutschen Reiches und des deutschen Volkes“ begann. Bei seiner Hörsaalpremiere orientierte sich Burckhardt im Gefolge seines Lehrers Leopold von Ranke noch stark an Ereignissen, Königen und politischen Entwicklungen.
Auch in der wenige Jahre später gehaltenen Vorlesung zur römischen Kaiserzeit berichtet er von den Herrschern, doch die für ihn wesentliche Dimension der Epoche ist nun die Kultur: „Die Geschichte wird wesentlich Culturgeschichte“; im Mittelpunkt steht der Geist einer Gesellschaft in all seinen Manifestationen. Kurz darauf sollte Burckhardt in seinem Erstling „Die Zeit Constantin’s des Großen“ (1852) eine glänzende Darstellung vorlegen und 20 Jahre später seinen Zugriff in der Vorlesung „Griechische Culturgeschichte“ zur Vollendung bringen.
In den hier präsentierten Texten findet sich das Janusgesicht der Caesarenzeit auf den Punkt gebracht: einerseits das „relative Glück der Provinzen“, hatten doch etwa die Griechen unter Rom „nichts eingebüßt als die Möglichkeit sich gegenseitig auszurotten“, und „noch nie hatte es eine so gute Zeit gegeben für die welche der Politik fern bleiben wollten“. Andererseits: eine „Abschneidung der dem Alterthum eigenen politischen Thätigkeit“; alle Kräfte wenden sich entweder auf Verschönerung, Kunst, Poesie und Erwerb oder aber „auf Schwelgerei, Raffinement und furchtbare Habsucht“. Beständige Gefahr: „die Einschüchterung aller Strebenden, die Verführung alles Verführbaren“.
Durch diese Ausgabe fällt helles Licht in die Werkstatt des Historikers Burckhardt. Die Herausgeber präsentieren mit höchster gelehrter Akribie im Druck, was dieser für die Vorlesung vorbereitet hat. Das ist ungeglättet und ungefüge, kein Lesetext, oft lediglich aneinandergereihte Exzerpte aus den antiken Quellen und den zeitgenössischen Handbüchern, versehen mit aufgeklebten Zetteln und Einfügungen, dazwischen treffende Beobachtungen und Dikta.
Der textkritische Apparat, der Kommentar, der Stellen identifiziert und die altsprachlichen Zitate übersetzt, das editorische Nachwort sowie die umfangreichen Register – all das sorgt mustergültig dafür, dass diese Edition nach menschlichem Ermessen nicht noch einmal gemacht werden muss. Und man kann sich jetzt wunderbar verlieren in dem, was ein junger Geist gesammelt, geordnet und vor einer Handvoll Hörern durchdacht ausgebreitet hat.





