Das frühe Frankenreich nahm innerhalb des römischen Imperiums Gestalt an. Die so entstandene Verbundenheit überdauerte das Ende des Kaisertums im Westen. Unter den Karolingern sollte sie nicht nur zu ersten franko-byzantinischen Heiratsplänen führen, sondern auch den Weg für ein fränkisches Kaisertum ebnen.
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Am Weihnachtstag des Jahres 800 wurde Karl der Große in Rom als „Augustus, von Gott gekrönt, großer friedensstiftender Herrscher, der das römische Reich regiert“ („augustus a deo coronatus magnus pacificus imperator Romanum gubernans imperium“) ausgerufen. Es war die erste erfolgreiche Kaiserausrufung im Westen seit über vier Jahrhunderten, als der letzte dort residierende Imperator Romulus Augustulus 476 abgesetzt worden war.
Lange war es für moderne Historiker kaum vorstellbar, dass die Kaiser in Konstantinopel einen fränkischen „Barbaren“ auf dem chronisch vakanten Kaiserthron des Westens akzeptiert hätten. Die fränkischen „Reichsannalen“ berichten hingegen zum Jahr 812, Karl habe eine byzantinische Gesandtschaft in Aachen empfangen, deren Delegierte ihn feierlich als „Kaiser und Basileus“ akklamiert hätten.
Der Historiker Percy Ernst Schramm (1894–1970) argumentierte prominent, die hier offenbar erfolgte Anerkennung sei nur eingeschränkt, man habe dem Franken lediglich einen „wesenlosen Kaisertitel“ zuerkannt, es handele sich folglich also um einen fränkischen „Scheinerfolg“. Außerdem habe Karl für seine Anerkennung auf die Bezeichnung „römischer“ Kaiser verzichten müssen – ein kaiserliches Attribut, das die Byzantiner nicht mit dem Franken hätten teilen wollen.
Der byzantinische Historiker Theophanes Confessor (gest. 818), der seine „Chronik“ kurz nach den Ereignissen in Aachen fertiggestellt hatte, war da anderer Meinung: Er erklärte unbeirrt, Papst Leo III. (amt. 795–816) habe Karl zum „römischen Kaiser“ gekrönt. Dabei verwendete er denselben Begriff, der auch im Osten für den dortigen Kaiser benutzt wurde: basileús kai autokrátor, wobei Letzteres weitgehend zum lateinischen imperator synonym war.
Der Aufstieg der Könige der Franken
Die Franken siedelten seit der Spätantike im Norden Galliens und damit innerhalb des Römischen Reichs. Die ersten etwas ausführlicheren historisch gesicherten Nachrichten über diese Region erwähnen die Stadt Tournai als Sitz des administrator der kaiserlichen Provinz Belgica II. Diese Position hatte nachweislich der Franke Childerich I. (gest. 481) inne, gefolgt von seinem Sohn Chlodwig. Beide waren gleichzeitig auch Könige der Franken. Die Autorität Chlodwigs, der im Laufe seiner Regierungszeit (481– 511) große Teile Galliens eroberte, wurde 508 nochmals von Kaiser Anastasius I. (reg. 491–518) durch die Zuerkennung zusätzlicher Titel feierlich untermauert.
Die Franken und Ostrom hatten eine turbulente, wenn auch intensive Beziehung. Bezeichnend ist, dass entgegen modernen Auffassungen beide Parteien die Meinung teilten, dass auch die Franken zur römischen Welt gehörten. Diese wurden regelmäßig in den byzantinischen Quellen als Ausnahme gegenüber anderen „barbarischen“ Volksgruppen hervorgehoben.
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So unterstrich etwa der Byzantiner Agathias (gest. um 582), die Franken würden sich von den Byzantinern nur durch Sprache und Kleidung unterscheiden. Bemerkenswerter ist der Rat des Kaisers Konstantin VII. (reg. 913–959) an seinen Sohn Romanos II. (reg. 959–963), ein Kaiser solle sich nicht durch Heirat mit Völkern verbinden, die sich durch ihre Gebräuche von den Römern – also den Byzantinern – unterschieden. Die Franken schloss er explizit von dieser Regelung aus, da diese über gemeinsame Wurzeln mit dem Kaiserreich im Westen sowie enge Beziehungen zu den Römern verfügten. Konstantin verwies außerdem auf das besondere fränkische Ansehen und deren Nobilität.
Und tatsächlich hatten die Kaiser im Osten seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wiederholt die Karolinger um die Hand einer fränkischen Prinzessin als Braut für einen zukünftigen Kaiser gebeten. Besonders relevant ist der Umstand, dass bereits in den 760er Jahren Kaiser Konstantin V. (reg. 741–775) um die Hand der fränkischen Königstochter Gisela als Ehefrau für seinen Sohn bat, den zukünftigen Kaiser Leon IV. (reg. 775–780).
Konstantin tat dies ungeachtet der Tatsache, dass seine Vorgänger bis dahin nur in äußersten Notlagen Heiratsverbindungen mit auswärtigen Herrscherfamilien in Betracht gezogen hatten und dass König Pippin der Jüngere (reg. 751–768) selbst ursprünglich ein Hausmeier gewesen war. Diese Befunde scheinen die auch in weiteren Quellen bezeugte besondere Verbindung Ostroms zu den Franken zu bestätigen.
Auch weitere Details zu den Heiratsangeboten sind unerwartet: Von den insgesamt sieben karolingerzeitlichen Heiratsanfragen wurden alle – mit einer Ausnahme, auf die noch einzugehen sein wird – von den Byzantinern nach Aachen gerichtet. Alle Vorhaben scheiterten letztlich am mangelnden Willen der Franken.
Das änderte sich erst unter den Ottonen, als tatsächlich die Anfragen aus dem Westen kamen und ein solches Vorhaben zumindest einmal auch realisiert wurde: Es handelt sich hier um die berühmte Verbindung zwischen dem späteren Kaiser Otto II. (reg. 973–983) und der byzantinischen Prinzessin Theophanu (gest. 991).
Auch hier bleibt die Forschung von der Überzeugung einer byzantinischen Überlegenheit geprägt: Obwohl regelmäßig vermutet wird, die Ottonen hätten ihr Kaisertum durch die Heirat Ottos mit Theophanu legitimieren wollen, wurde noch nie in Erwägung gezogen, die Byzantiner hätten am Glanz der Karolinger teilhaben wollen.
Byzanz braucht Hilfe im Kampf gegen die Langobarden
Für das frühe 6. Jahrhundert gibt es eine breite, wenn auch nicht unproblematische Palette an Quellen, die bezeugen, dass Gallien noch als Teil des Kaiserreiches verstanden wurde. Wie genau diese Verbindung sich gestaltete, also ob die Franken weiterhin als Verbündete (foederati) galten oder durch ihre lange Anbindung und Tätigkeit innerhalb des Reiches einen anderen Status erlangt hatten, verraten uns die Quellen nicht.
Die Ablösung des Merowingerreiches vom Römischen Reich erfolgte graduell, in mehreren Phasen. Ein wichtiger Moment war, als der austrasische König Theudebert I. (reg. 533–547/48), der in seinen Briefen auch über Kaiser Justinian sprach, sich in den 530er Jahren kaiserliches Recht aneignete und selbst Goldmünzen mit eigenem Namen und Porträt prägen ließ – ein Umstand, über den sich der byzantinische Historiker Prokop ausdrücklich ärgerte.
Ein zweiter Moment folgte als Konsequenz der langobardischen Eroberung Italiens im Jahr 568: Da dem Kaiser in Konstantinopel die militärischen Mittel fehlten, um die Eindringlinge wieder von der Halbinsel zu vertreiben, bat er die Franken um Unterstützung. Als diese nur halbherzig eingriffen, wollte der Kaiser sie zu einem beherzteren Eingreifen zwingen: 581 wurde ein angeblicher fränkischer Herrschersohn, Gundowald (gest. 584), der nach Konstantinopel geflüchtet war, darum gebeten, als König nach Gallien zurückzukehren. Geplant war wohl, dass er die aktuellen fränkischen Herrscher beseitigen und im Erfolgsfall das gesamte Frankenreich gestärkt in Italien einmarschieren und die Langobarden besiegen sollte.
Als ein erster Versuch scheiterte, ließ der Kaiser Ingunde und ihren Sohn Athanagild, Verwandte des austrasischen Königs, nach Konstantinopel entführen, um weitere Angriffe gegen die Langobarden zu erzwingen. Obwohl diese Erpressung erfolgreich war – zwischen 584 und 590 erfolgten fast jährlich austrasische Feldzüge gegen die Langobarden –, blieben diese in Italien sesshaft. Die Franken wandten sich nun dezidiert vom Kaiserreich ab.
Die Quellen erwähnen für das 6. Jahrhundert regelmäßige Gesandtschaften zwischen Ost und West, zuweilen ebenfalls jährlich, und auch der Austausch über den Fernhandel scheint bis in das späte 6. Jahrhundert weitgehend unverändert fortbestanden zu haben. Einen deutlicheren Bruch gab es hier erst nach 634, dem Jahr, in dem der letzte diplomatische Kontakt zwischen dem Merowinger Dagobert I. (reg. 629–639) und Kaiser Herakleios (reg. 610–641) bezeugt ist.
Zeugnisse für einen regen Austausch wie Münzen aus Karthago, die zwischen Bordeaux und Calais gefunden wurden, oder die Masse byzantinischer Keramik in Tintagel, im britannischen Cornwall, werden nun seltener.
Die Forschung geht allgemein davon aus, dass es nach dem erwähnten Kontakt von 634 erst wieder um 756, also etwa 120 Jahre später, erneut zu einem vergleichbaren diplomatischen Austausch gekommen sei. Es gibt jedoch Hinweise auf Kontakte innerhalb dieser Zeit, darunter auch diplomatische.
Ein erster findet sich in den „Annalen von Metz“ zum Jahr 692. Dort wird berichtet, Pippin der Mittlere (um 635–714) habe im Jahr 692 „Griechen, Römer, Langobarden, Hunnen, Slawen und Sarazenen“ empfangen. Da in dieser Kombination der Begriff „Griechen“ nur die Byzantiner meinen kann – die „Römer“ sind wohl päpstliche Legaten –, dürfte dieser Eintrag mehrere Gesandtschaften um 690 herum zusammenfassen, und die erste, jene der Byzantiner, traf wohl tatsächlich im Jahr 692 ein.
Die „Fredegarchronik“ füllt Wissenslücken
Weitere Hinweise finden sich in der fränkischen „Fredegarchronik“. Kapitel 81 des 4. Buchs enthält eine kurze Zusammenfassung eines geplanten Exkurses über aktuelle Geschehnisse im byzantinischen Osten. Das späteste Ereignis, das angekündigt wird, lässt sich um 658 datieren. Die Vorankündigung ist gleichzeitig der erste überlieferte historiographische Bericht zur muslimischen Expansion überhaupt und bezieht sich auf die Zeit zwischen 641 und 658. Dem Autor, der offenbar kurz nach 660 schrieb, war es jedoch nicht mehr vergönnt, sein Werk zu vollenden – sein Bericht bricht mit dem Jahr 642 ab, der geplante Exkurs wurde nie geschrieben.
Die „Fredegarchronik“ berichtet uns über den Gesandtschaftsaustausch von 630/634 zwischen König Dagobert und Kaiser Herakleios. Bereits in diesem Rahmen gelangten Informationen aus dem Osten ins Frankenreich. Diese wurden in einem ersten Byzanzexkurs, über Kaiser Herakleios, in die „Fredegarchronik“ aufgenommen.
Wenn wir die Ankündigung in Kapitel 81 ernst nehmen, plante der Autor einen zweiten Exkurs mit detaillierten Informationen über die jüngsten Ereignisse im Osten. Da es folglich um 660 nochmals zu einem Austausch gekommen sein muss und die Angaben aus dem ersten Exkurs nachweislich mit einer Gesandtschaft in den Westen kamen, liegt die Vermutung nahe, dass sich hier eine bislang unbekannte Gesandtschaft in den Westen aufgemacht hatte.
Dazu dürfte es um 662, während der Herrschaft von Kaiser Konstanz II. (reg. 641–668) und dem austrasischen König Childerich II. (reg. 662–675), gekommen sein. Konstanz hielt sich seit Sommer 662 in Italien auf. Dem Historiker Paulus Diaconus (gest. nach 800) zufolge griffen die Franken und Konstanz um 663 gemeinsam die Langobarden in Norditalien an. Ohne vorherige Absprache wäre dies ein höchst bemerkenswerter Zufall.
Der zweite Hinweis ist ein mögliches direktes Zeugnis dieses diplomatischen Austauschs. Es handelt sich um einen, wenn auch recht kleinen, Silberteller, ein typisches Geschenk byzantinischer Gesandtschaften. Der Teller wurde um 1950 an der holländisch-belgischen Grenze in der Schelde gefunden. Er trägt den Stempel von Kaiser Konstanz II. Es ist möglich, dass es sich hierbei um ein Geschenk der mutmaßlichen Gesandtschaft von 662 handelt.
Zum Schluss noch eine Kuriosität: Wenn wir uns die Gesandtschaften des 7. Jahrhunderts anschauen, ergibt sich folgendes Bild. Für das Jahr 602 ist ein „ewiger Friede“ zwischen Austrasien und dem Kaiser bezeugt, der 30 Jahre später, vom austrasischen König Dagobert und Kaiser Herakleios, erneuert wurde. 60 Jahre später soll der Hausmeier Pippin der Mittlere mit den Byzantinern Frieden und Freundschaft (pax et amicitia) geschlossen haben.
Die für das Jahr 662 rekonstruierte Gesandtschaft fand chronologisch genau zwischen diesen beiden Ereignissen statt. Damit haben wir für das 7. Jahrhundert vier Gesandtschaften in einem Abstand von jeweils 30 Jahren. Da die Byzantiner grundsätzlich ihre als „ewig“ bezeichneten Friedensverträge auf 30 Jahre festlegten, liegt die Vermutung nahe, dass der Friedensvertrag von 634 auch 662, und vielleicht sogar nochmals 692, erneuert wurde.
Diplomatischer Austausch mit Byzanz vor Karls Kaiserkrönung
Der nächste diplomatische Austausch, von dem wir wissen, fand 60 Jahre nach der Gesandtschaft von 692, um 756, statt. Die Quellen sprechen diesmal nicht von „Frieden“ (pax), sondern von „Freundschaft“ (amicitia). Da die Pause der Beziehungen wie gezeigt wohl wesentlich kürzer war als bislang angenommen, dürften sich beide Seiten 756 nicht als völlig Fremde begegnet sein. Und auch für die eingangs geschilderte Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 ist dieser Umstand von Bedeutung.
Im Jahr 802 empfing Kaiserin Irene fränkische Gesandte Karls des Großen. Die fränkischen „Reichsannalen“ berichten, dass Irene kurz danach, und noch im Beisein der Franken, von ihren Gegnern abgesetzt wurde. Grund war vermutlich ein Heiratsangebot der Franken, das einzige, das von westlicher Richtung ausging. Über dieses Angebot berichtete der byzantinische Chronist Theophanes Confessor. Es war wohl ein Bündnisangebot, das die politisch schwache Kaiserin stärken und die Bedeutung des Franken als Westkaiser nach antikem Modell hervorheben sollte.
Das Angebot basierte auf Verhandlungen, die in den letzten Jahren vor der Kaiserkrönung im Jahr 800 intensiv, zuweilen anhand jährlich ausgetauschter Gesandtschaften, zwischen Irene und Karl geführt worden waren. Die Tatsache, dass es diese Gesandtschaften gegeben hat, wie uns die „Reichsannalen“ bestätigen – ohne Informationen über ihren Inhalt zu verraten –, legt nahe, dass die Kaiserin deutlich stärker in die Planungen der fränkischen Kaiserkrönung involviert war als bisher vermutet.
Ziel war vermutlich das Wiederaufleben des Doppelkaisertums, wie es unter Diokletian (reg. 284–305) erstmals entstanden war. Ein solches Vorhaben war eng mit der Vorstellung einer gemeinsamen Basis zwischen Franken und Byzantinern verknüpft, eine Voraussetzung, ohne die ein solches Unterfangen undenkbar gewesen wäre.
Das Ganze scheiterte jedoch mit dem Sturz der Kaiserin im Jahr 802. Möglicherweise wurde nun erst die von ihr veranlasste schändliche Absetzung ihres eigenen Sohns Konstantin VI. durch dessen Blendung im Westen bekannt, und Irene verfiel der fränkischen damnatio memoriae. Karl der Große wollte offenbar nicht mehr mit ihr in Verbindung gebracht werden, weshalb Irene nun in den karolingischen Quellen die Legitimität als Kaiserin abgesprochen wurde.
Heute gibt es keine fränkischen Quellen zur Kaiserkrönung aus der Zeit vor 802; der früheste Bericht stammt aus den „Lorscher Annalen“ und datiert von 803. Diese „Annalen“ berichten, Karl sei Kaiser geworden, da er „Rom, wo die Caesaren stets zu sitzen pflegten, sowie die übrigen Sitze, in Italien, Gallien und auch in Germanien innehatte“.
Es ist die letzte Andeutung an das Doppelkaisertum und damit an ein Vorhaben, das ein Gesamtkaiserreich zum Ziel hatte, das Ost und West, zumindest für eine kurze Episode, wieder vereinen wollte.
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