Das mittlere Paläolithikum vor 300.000 bis 40.000 Jahren gilt als entscheidende Umbruchszeit in der Menschheitsgeschichte. Denn in dieser Periode entwickelte sich in Afrika der Homo sapiens. Parallel dazu entwickelten Neandertaler und Denisova-Menschen in Eurasien die Kulturstufe des Moustèrien. Typisch für das Moustèrien sind Werkzeuge wie Schaber, Messer und Spitzen, die durch gezielte Steinabschläge erzeugt wurden. Eine in Europa und Westasien eng mit dem Neandertaler assoziierte Untergruppe dieser Kultur ist die Quina-Technologie. Typisch für sie sind asymmetrische Steinschaber mit einer dickeren Seite und einer scharfen Schneidkante, die häufig deutliche Anzeichen wiederholten Nachschärfens aufweist.
Das Merkwürdige jedoch: In Ostasien und im Speziellen in China schien die Kulturstufe des Moustèrien bisher weitgehend zu fehlen. “Gängiger Annahme nach überdauerten in China stattdessen einfachere Steinbearbeitungstechniken über lange Zeit, bis zum Auftauchen des modernen Menschen vor rund 45.000 Jahren”, erklären Qi-Jun Ruan von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking und ihre Kollegen. In Ostasien schien es demnach keine typischen Kulturstufen des Mittel-Paläolithikums gegeben zu haben. Hinzu kommt, dass die wenigen in Ostasien gefundenen frühmenschlichen Fossilien aus dieser Zeit bisher in Bezug auf ihre Datierung und Zuordnung strittig sind.
Erster Beleg für Quina-Technologie in Ostasien
Doch neue Funde in Longtan in der südchinesischen Yunnan-Provinz ändern dies nun. Auf einer der Uferterrassen des Flusses Caifeng haben Ruan und ihr Team bei Ausgrabungen mehr als 3.400 Steinwerkzeuge und Abschläge entdeckt. Datierungen der Fundschicht ergaben ein Alter von 50.000 bis 60.000 Jahren. Das Entscheidende jedoch: Genauere Analysen der Steinartefakte ergaben, dass es sich um Schaber und Abschläge handelt, wie sie für die Quina-Technologie im westlichen Eurasien typisch waren. “Alle Parameter, die für die Quina-Kultur definierend sind, finden sich auch in unseren Funden”, berichten die Archäologen. Dazu gehören asymmetrisch zurechtgehauene Schaber, aber auch Hinweise auf wiederholtes Nachschärfen.
Die ist das erste Mal, dass Steinwerkzeuge der Quina-Technologie in Ostasien entdeckt wurden. “Der Fund von Quina-Technologien in China belegt nicht nur das Vorhandensein einer mittelpaläolithischen Technologie in der Region, sondern zeigt auch große Analogien zur Werkzeugkultur der Neandertaler in Westeuropa”, schreiben Ruan und ihre Kollegen. Die Funde stellen damit die Annahme einer kulturellen Stagnation während des Mittelpaläolithikums in Ostasien in Frage. Stattdessen erweitern sie den Verbreitungsbereich der Quina-Technologie bis nach Ostasien. “Das ist ein großer Bruch mit unseren bisherigen Vorstellungen über die Entwicklung in diesem Teil der Welt zur damaligen Zeit”, sagt Co-Autor Ben Marwick von der University of Washington.





