Der geringe Bekanntheitsgrad des „Liber precum“ (was übersetzt nichts anderes heißt als „Gebetbuch“) ist vor allem eine Folge seines ungewöhnlichen Aufbewahrungsortes: Er gehört zu den 41 westeuropäischen Codices aus dem 13. bis 16. Jahrhundert in der Russischen Nationalbibliothek St. Petersburg. Ursprünglich war die Handschrift im Besitz der Zarin Maria Fjodorowna, einer geborenen Prinzessin von Württemberg. 1776 hatte sie den russischen Thronfolger Paul geheiratet. Ihre Lieblingsresidenz war Schloß Pawlowsk 30 Kilometer südlich von St. Petersburg, das sie nach ihren Vorstellungen ausbauen und mit einem weitläufigen Park umgeben ließ. Für die Ausstattung von Pawlowsk erwarb Maria Fjodorowna zahlreiche Kunstgegenstände; unter den Erwerbungen für ihre Bibliothek mag der „Liber precum“ gewesen sein (ein Porträt der Zarin haben wir in DAMALS 1-2002 veröffentlicht). Nach ihrem Tod 1828 blieb die Handschrift in Pawlowsk. Erst 1929 wurde sie aus dem dortigen Schloßmuseum in die Staatliche Öffentliche Bibliothek von Leningrad gebracht, die heutige Russische Nationalbibliothek St. Petersburg. Doch: in wessen Besitz befand sich das Gebetbuch vor Maria Fjodorowna? Wann ist es überhaupt entstanden – und wer hat es in Auftrag gegeben? Diese Fragen sind schon sehr viel schwerer zu beantworten. Einer der Vorbesitzer legte Anfang des 19. Jahrhunderts ein loses Blatt zwischen den Vorderdeckel und das erste Blatt der Handschrift. Darauf vermerkte er, daß ihn der Kauf dieses Gebetbuches „viel Geld“ gekostet habe. Leider erwähnt er weder seinen Namen noch die Summe, die er bezahlen mußte. Auf dem letzten Blatt des „Liber precum“ findet sich schließlich ein Besitzvermerk aus dem 16. Jahrhundert: „Dies ist geoffenbart einer Jungfrau, die unseren lieben Herrn bat um ein Gebet, das ihr das Allerheiligste wäre, und ein Engel kam zu ihr und lehrte sie.“ Auch hier findet sich kein Name. Die „Jungfrau“ führt dennoch auf den richtigen Weg, denn hinter diesem Begriff verbirgt sich mit ziemlicher Sicherheit eine Nonne.
Damit sind wir bereits in dem klösterlichen Umfeld, in dem der „Liber precum“ entstanden ist. Die Feinheit der Schrift zeugt davon, daß hier ein geübter Schreiber am Werk war, der sich kaum außerhalb eines Klosters hätte finden lassen. Auch der Auftraggeber dürfte ein Mönch gewesen sein. Dafür spricht nicht zuletzt die lateinische Sprache der Gebete. Wir kennen den Namen dieses Mönches nicht – und wissen doch, wer er war, wenigstens dem Bild nach. Denn der Gebetszyklus wird mit einer Initiale eingeleitet, in der ein Mönch abgebildet ist; sein Habit könnte auf einen Kartäuser hinweisen. Dieser Mann war möglicherweise der Auftraggeber des „Liber precum“. Daß es sich um einen Mann gehandelt hat, wird auch durch einige grammatikalische Formen unterstützt: So bezeichnet sich der Besitzer in einem Gebet als „indignus peccator“ – als unwürdiger Sünder und eben nicht als unwürdige Sünderin. Es wird sich aber kaum um einen gewöhnlichen Ordensbruder gehandelt haben. Eine so luxuriös ausgestattete Handschrift konnte sich nur jemand aus einer vornehmen, vermögenden Familie bzw. ein hoher Würdenträger leisten.





