Die Geschichte, die der römische Geschichtsschreiber Livius (um 59 v. Chr. – 17 n. Chr.) erzählt, handelt von virtus, männlicher Bewährung, der wichtigsten römischen Primärtugend. Im Jahr 458 v. Chr. sind die Albanerberge, jene Hügelkette südlich von Rom, wo heute der Papst seine Sommerfrische Castel Gandolfo hat, Kriegsgebiet. Hier, am Mons Algidus, haben die Aequer, ein italischer Volksstamm, mit dem sich die Römer schon seit einem halben Jahrhundert einen zähen Kleinkrieg liefern, den römischen Konsul Lucius Minucius Esquilinus mitsamt seinem Heer in die Enge getrieben. Livius zeichnet Esquilinus als übervorsichtig taktierenden Oberkommandierenden, der sich in seinem Lager verschanzt und dem Feind die Initiative überlässt. Dem Konsul und seinen Mannen droht die Vernichtung, als die Aequer das Lager einkesseln und Erdwälle errichten, um die Römer zu belagern. Fünf Reiter durchbrechen dennoch den Belagerungsring und melden dem Senat in Rom das Geschehene: Dort ist man starr vor Schreck und verwirft rasch den Gedanken, den zweiten Konsul mit dem Entsatz des belagerten Heeres zu betrauen: Der sei wenig tauglich, und deshalb sei es besser, man berufe einen Diktator. Die Wahl fällt auf Cincinnatus, einen Patrizier mit einem kümmerlichen Landbesitz von gerade einmal vier Morgen trans Tiberim – im heutigen Trastevere.
Dort ist „Roms letzte Hoffnung“ bei der Feldarbeit, als die Gesandtschaft des Senats eintrifft. Die hohen Herren bitten Cincinnatus, sich eine Toga anzuziehen, um das anzuhören, was sie zu sagen haben. Kaum hat er sich notdürftig frisch gemacht und das Wickelgewand angelegt, unterbreiten die Senatoren Cincinnatus, dass er nun Diktator sei. Sie bringen ihn in die Stadt, wo sich ihm erst die Familie, dann seine Freunde und schließlich die Senatoren anschließen und ihn, unter Führung der Liktoren, zu seinem Stadthaus geleiten. Während Cincinnatus der Hoffnungsträger des Senats ist, fürchtet man in der Plebs die allzu große Herrschaftsgewalt des Diktators, der sie womöglich missbrauchen werde. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 06/2013.
Prof. Dr. Michael Sommer





