von LEONARD HORSCH
Im Jahr 1453 erhielt die berühmte Humanistin Isotta Nogarola einen vergifteten Brief. Ihr Freund, der venezianische Adlige Ludovico Foscarini, lobte sie darin zwar überschwänglich für ihre Bildung, doch zugleich diskriminierte er sie: Sie habe sich durch ihre Gelehrsamkeit in die Sphäre der Männer begeben, deren Gefahren sie als Frau nicht gewachsen sei. Der Hintergrund seines Briefes war politisch. Nogarola lebte in Verona, das von Venedig beherrscht wurde. Sie wollte bei der venezianischen Regierung Privilegien für ihren Bruder erwirken. Foscarini hingegen wollte mit dem öffentlichen Brief seiner Wählerschaft in Venedig zeigen, dass er sich als venezianischer Amtsträger auf dem Festland nicht von einer Frau aus der lokalen Elite beeinflussen ließ. Denn Foscarini wusste, dass Nogarola Briefe bekannter Persönlichkeiten an sie herumreichte.





