von LEONARD HORSCH
Im Jahr 1453 erhielt die berühmte Humanistin Isotta Nogarola einen vergifteten Brief. Ihr Freund, der venezianische Adlige Ludovico Foscarini, lobte sie darin zwar überschwänglich für ihre Bildung, doch zugleich diskriminierte er sie: Sie habe sich durch ihre Gelehrsamkeit in die Sphäre der Männer begeben, deren Gefahren sie als Frau nicht gewachsen sei. Der Hintergrund seines Briefes war politisch. Nogarola lebte in Verona, das von Venedig beherrscht wurde. Sie wollte bei der venezianischen Regierung Privilegien für ihren Bruder erwirken. Foscarini hingegen wollte mit dem öffentlichen Brief seiner Wählerschaft in Venedig zeigen, dass er sich als venezianischer Amtsträger auf dem Festland nicht von einer Frau aus der lokalen Elite beeinflussen ließ. Denn Foscarini wusste, dass Nogarola Briefe bekannter Persönlichkeiten an sie herumreichte.
Insgesamt ist gut ein Dutzend solcher Briefe Foscarinis an Nogarola erhalten. Die Forschung hat diesen Briefwechsel stets als intellektuellen Austausch gesehen. Politische Motive wurden nicht vermutet, weil man Foscarinis Briefe isoliert von ihrem Überlieferungskontext untersuchte und als literarische Produkte einordnete. Foscarini hat die Briefe selbst in seiner 312 Briefe umfassenden Briefsammlung überliefert. Die Münchner Dissertation von Leonard Horsch untersucht die Briefsammlung erstmals umfassend und liefert darüber hinaus auch eine vollständige Edition der Briefe. In der Studie werden die einzelnen Briefe als Instrumente der Manipulation in den politischen Debatten und Wahlkämpfen Venedigs interpretiert. Die Briefsammlung als Ganzes wird als Handbuch für politische Kommunikation betrachtet, das Foscarini seinem Sohn vererbte, damit dieser die Briefe als eine Art Anleitung für seine eigene politische Karriere nutzen konnte.
Die Lagunenstadt und ihr komplexes politisches System
Foscarini nahm als Humanist und Jurist per se eine Sonderstellung unter den rund 1500 Adligen Venedigs ein, denn die meisten von ihnen waren Handelsunternehmer zur See. Venedig wurde von diesen Adligen regiert, die formal gleichberechtigt waren und eine kollektive Regierung bildeten. Um 1450 stand diese Oligarchie vor enormen Herausforderungen: Venedig hatte gerade große Teile des italienischen Festlands erobert. Erstmals mussten die Venezianer einen Flächenstaat verteidigen, regieren und sich mit den dortigen Eliten arrangieren. Außerdem bedrohten die Osmanen die venezianischen Besitzungen im Osten des Mittelmeers.
Es waren also permanent wichtige Entscheidungen zu fällen, die man mit 1500 Männern nicht effizient treffen konnte. Deswegen delegierte man die Entscheidungsmacht an Ausschüsse und Amtsträger wie Gouverneure, die in wöchentlichen Abstimmungen gewählt wurden. Diese Ausschüsse und Ämter wurden von einer Gruppe von rund 80 besonders prominenten Adligen dominiert. Sie bildeten die wahre Führungsschicht, und Foscarini gehörte zu ihnen.





