Marina Münkler dagegen, die das 16. Jahrhundert als eine „Epoche grundlegender Veränderungen und extremer Spannungen“ auffasst, strebt eine globale Perspektive an. Und tatsächlich wird der Leser auf eine weite Reise mitgenommen. Man erfährt viel über die Seeherrschaft im Indischen Ozean, das Goldland Peru, die Eroberung des Mamluken- und des , gewaltsame Missionierungen und südamerikanische Kannibalen.
Die Namen von Entdeckern und Eroberern finden sich noch im Inhaltsverzeichnis, nicht dagegen diejenigen bedeutender Herrscher wie Kaiser Karl V. oder Sultan Süleyman der Prächtige. Bekannte Ereignisse wie der Feldzug des habsburgischen Spanien gegen das vom Osmanischen Reich kontrollierte Tunis 1535 oder die Seeschlacht bei Lepanto 1571 werden als „europäische Triumphgefühle“ beschrieben.
All das ist immer wieder anregend, informativ und – dem Titel entsprechend – dramatisch, aber in einer solchen Verflechtungsgeschichte verliert man doch leicht die Orientierung. Im achten, letzten Kapitel etwa überstürzen sich geradezu die Ereignisse: Betrachtungen zum „Traum von einem calvinistischen Brasilien“ folgen Abschnitte zu den französischen Bürgerkriegen, zu „Neuen Heiligen in der Neuen Welt“,
zum Aufstand der Niederlande und am Ende zum „Wirken des Teufels: Hexen in der Alten und Neuen Welt“. Das Buch enthält einige Farbabbildungen und auch Karten, ein kurzes Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Personen-, aber kein Ortsregister.
Insgesamt legt man das Buch von Münkler, die eine Professur für Ältere und Frühneuzeitliche Deutsche Literatur und Kultur an der Technischen Universität Dresden innehat, mit gemischten Gefühlen beiseite. Das brillant geschriebene Werk bietet ganz ohne Frage intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau. Eigentlich Neues aber erfährt man in ihrer Abhandlung nicht. Hinzu kommen eigenwillige Überhöhungen und Gewichtungen, die wohl zum Teil dem Aktualitätsbedürfnis geschuldet sind. Vieles, so die Autorin, was das 16. Jahrhundert gekennzeichnet habe, sei auch heute besonders aktuell: „der Kampf um Worte, der Kampf um die Beherrschung der Diskurse, der Kampf um die Wirkmacht der Bilder“. Man mag überall Kämpfe und Konflikte um Deutungshoheiten sehen. Wenn man nur kräftig genug abstrahiert, bietet allerdings wohl jede Epoche nichts anderes als die bloße Vorgeschichte zur eigenen Gegenwart.
Rezension: Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Marina Münkler
Anbruch der neuen Zeit
Das dramatische 16. Jahrhundert
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2024, 544 Seiten, € 34,–





