Im jüdischen Glauben dienen Mikwaot der rituellen Reinigung von Menschen, aber auch Objekten. Traditionellen Vorschriften nach sollen sich beispielweise Frauen nach der Menstruation einem rituellen Tauchbad unterziehen. Früher war der Besuch der Mikwe auch für Männer vor dem Schabbat vorgeschrieben. Typischerweise besteht eine Mikwe aus einem über Stufen zugänglichen Becken, das mindestens 500 Liter Wasser fassen muss und durch fließendes, aber nicht geschöpftes oder gepumptes Wasser gespeist wird. Deshalb sind die Ritualbäder meist mit einem Grundwasserbrunnen oder einem Regenwasserbecken verbunden. Doch während im Nahen Osten Mikwaot aus antiker Zeit bekannt sind, fehlten bisher Funde aus der jüdischen Diaspora der Antike oder Spätantike.

Halb unterirdisches Becken aus spätantiker Zeit
Das hat sich nun geändert: Archäologen unter Leitung von Alessandro D’Alessio und Claudia Tempesta Ektung vom Archäologischen Park Ostia Antica haben bei Ausgrabungen im ehemaligen Zentrum von Ostia Antica, der antiken Hafenstadt Roms, eine Mikwe entdeckt. Im Rahmen des Projekts “Ostia Post Scriptum” hatte das Team eine Fläche untersucht, die trotz ihrer zentralen Lage nahe des alten Tiber-Flusslaufs bisher unerforscht geblieben war. Bei den seit 2022 durchgeführten Ausgrabungen stieß das Team zunächst auf die Reste eines einst großen und prächtigen Gebäudes mit Fußböden aus schwarz-weißem Mosaik.
In einem dieser Räume entdeckten die Archäologen im Sommer 2024 den Zugang zu einem kleinen, halb unterirdischen Raum. Über ein Marmorschwelle führen mehrere, über die gesamte Breite des Beckens reichende Stufen zum Grund hinunter. Ihre Seitenwände sind mit Putz verkleidet, der unterste, breitere Treppenabsatz besteht aus quadratischen Ziegeln. Ein Zugang für eine Wasserleitung und ein angrenzendes Brunnenbecken legen nahe, dass dieser Raum einst als Wasserbecken diente, wie D’Alessio und seine Kollegen berichten. An seiner Ostseite wird dieses rechteckige Becken von einer halbkreisförmigen Apsis abgeschlossen, in der das Team eine mit blauem Putz und Säulchen verzierte Nische entdeckte.
“Absolut außergewöhnliche Entdeckung”
Den entscheidenden Hinweis auf Ursprung und Zweck dieser auf das 5. bis 6. Jahrhundert datierten Anlage lieferten einige im Becken und am Brunnenausgang gefundene Fragmente und Fundstücke, darunter zerbrochene Statuen, Marmorsockel mit Inschriften sowie antike Lampen. Eine davon zeigte auf einer Seite die Abbildung eines siebenarmigen Leuchters und an ihrem Sockel einen Palmzweig – beides jüdische Symbole. Aus diesen Funden sowie den Merkmalen des Beckens schließen die Archäologen, dass es sich um ein jüdisches Ritualbad handeln muss, eine Mikwe.





