Einen allumfassenden Band über die präkolumbischen Kulturen Perus zu publizieren ist ein ehrgeiziges Unterfangen. Immerhin handelt es sich um mindestens 15000 Jahre Geschichte und die dichte Abfolge einer Vielzahl von Kulturen, die es vorzustellen gilt. Um einen derart komplexen Sachverhalt wie Aufstieg und Untergang zahlreicher Kulturen verständlich und anschaulich für Nicht-Fachleute aufzubereiten, bedarf es eines stringenten Konzeptes. So beginnen Übersichtswerke in der Regel mit einer fundierten geographischen Einführung und leiten auf die Kulturen im zentralen Andenraum über.
Der vorliegende Band geht einen anderen Weg. Auf einen kurz gehaltenen geographischen Abriß folgt eine Übersicht der Kulturen Alt-Perus, bei der auf eine umfassende Aufzählung der wichtigsten archäologischen Fundorte geachtet wird. Während sich das zweite Kapitel den sozialen und politischen Verhältnissen der Inka widmet, werden anschließend religiöse Kulte und Bestattungsriten der altperuanischen Kulturen, das Militär, Architektur, Keramik, Textilien, Goldschmiedekunst und Metallbearbeitung, schließlich die Federarbeiten beschrieben. Im letzten Drittel des Bandes stellen die Autoren einzelne bedeutende archäologische Stätten vor, zudem weniger berühmte, aber nicht weniger spektakuläre Orte wie Tambo Colorado oder Pachacamac.
Dieser Aufbau birgt Gefahren. Ärgerlich sind vor allem Redundanzen in Text und Bild, dagegen fehlen Interpretationen und Erklärungen. Kritisch anzumerken ist in diesem Zusammenhang auch der inhaltliche Aufbau. So wird im einführenden Kapitel der Begriff „Clan“ benutzt, jedoch erst am Ende des Buchs ausgeführt, daß die Grundlage eines Clans der gemeinsame Ahne ist – ein sehr bedeutsamer Faktor für den alles umfassenden Ahnenkult der Region (der ebenfalls unterschlagen wird). Der Begriff „Schamane“ oder „Schamanismus“, der häufig als Interpretationsmodell herangezogen wird, ist gar nicht definiert.
Vergessen wurde die Erwähnung der bedeutenden ökologischen Zone „Humboldt-Strom“, die die Ernährungsgrundlage der Küstenkulturen war. Daran hätte sich eine Schilderung des andinen Konzeptes der sich ergänzenden Gegensätze anschließen müssen, das vor allem in der Architektur immer wieder sichtbar wird und auch die Gesellschaften des alten Peru strukturiert. Eine Einführung in die Grundlagen der andinen Religion hätte ebenfalls nicht geschadet. Die Kulturen des alten Peru sind sonst nicht zu verstehen; sie waren allesamt sakrale Einheiten, gleichgültig, welche politisch-soziale Organisationsform sie angenommen hatten: Alle abgebildeten Objekte sind Grabbeigaben und entstammen einem religiösen Kontext.
Trotz dieser inhaltlichen Mängel sei das Buch allen den Kulturen Alt-Perus Verbundenen und auch denen, die es noch werden möchten, wärmstens empfohlen. Die abgebildeten Objekte sowie die Fotos der archäologischen Stätten sind von sensationeller Qualität und sehr ansprechend präsentiert, was die eher deskriptiven als interpretativen Begleittexte mehr als ausgleicht.





