Die letzte Etappe im Untergangsprozess des italienischen Faschismus begann am 12. September 1943, als Benito Mussolini auf die politische Bühne zurückkehrte, von der er zehn Wochen zuvor von alten Weggefährten und von König Viktor Emanuel III. gestoßen worden war. Der faschistische Diktator war nach seinem Sturz am 25. Juli 1943 verhaftet und dann von seinem Nachfolger Pietro Badoglio auf eine längere Odyssee von Versteck zu Versteck geschickt worden, die schließlich im Sporthotel „Campo Imperatore“ am Fuß des Gran Sasso endete. Dort ging am Nachmittag des 12. September eine deutsche Fallschirmjäger-Einheit nieder und befreite Mussolini aus dem Gewahrsam der ob der Waghalsigkeit der deutschen Soldaten wie gelähmten italienischen Wachen.
Der SS-Offizier Otto Skorzeny (1908–1975), der dem Unternehmen als Beobachter beigegeben war, brachte den „Duce“ noch am selben Tag nach Wien. Hier telefonierte Mussolini sofort mit Hitler, der seinen alten Lehrmeister beschwor, seinen angestammten Platz in der großen Politik nicht länger verwaist zu lassen. Er sollte sich an die Spitze einer provisorischen neuen Regierung stellen, die kurz zuvor im deutschen Exil entstanden war und eine histo-rische Mission der besonderen Art zu erfüllen hatte: Sie sollte die Kapitulation Italiens am 8. September 1943 widerrufen, die Vitalität der „Achse“ bezeugen und der – nach der alliierten Landung bei Salerno – in Süditalien residierenden königlichen Regierung Badoglio eine Alternative entgegensetzen, die geeignet war, dem Faschismus neues Leben einzuhauchen und sein letztes Aufgebot für den Krieg zu mobilisieren. Mussolini, der noch immer imperialen Träumen nachhing, verschrieb sich dieser Mission und kehrte im Herbst 1943 in seine Heimat zurück, wo ihm Salò, das kleine beschauliche Städtchen am Gardasee, als Regierungssitz diente.
Die deutsche Beihilfe zur Regierungsbildung und die bald gängige, fast putzig klingende Bezeichnung „Republik von Salò“ haben die Vorstellung genährt, Mussolinis neuer Staat sei nichts weiter gewesen als ein von außen gesteuertes Kleinfürstentum, das eigener Funda‧mente entbehrte. Das ist sicher nicht ganz falsch: Das königliche Heer war im September 1943 entwaffnet worden, in Nord- und Mittelitalien drängten sich deutsche Truppen, und die Richtlinienkompetenz lag bei Fragen von größerer politischer Relevanz bei Rudolf Rahn, dem Bevollmächtigten des Großdeutschen Reichs, der freilich nicht allmächtig war. Rahn musste seine Befugnisse gegenüber Göring, Sauckel, Speer und Himmler verteidigen, deren Großorganisationen eigene, äußerst ambitionierte Ableger in Italien hatten. Außerdem war er gezwungen, sich mit Mussolini und seinen Ministern zu arrangieren, die im Klein-Klein der Alltagspolitik viele Mittel hatten, sich durchzusetzen, und dafür mehr Rückhalt in der Gesellschaft fanden, als der „Duce“ erwartet hatte.
Um sein neues Reich scharten sich zwar nicht mehr die großen Massen, aber beileibe auch nicht nur Opportunisten, Nutznießer und Mitläufer aus Bürokratie und Wirtschaft, denen oft keine andere Wahl blieb, als sich dem Regime zu fügen. Die Basis der Republik war viel solider, als diejenigen glauben machen wollen, die Salò am liebsten aus der italienischen Geschichte hinausdefinieren und damit bequem entsorgen möchten. Sie bestand aus nicht wenigen noch immer „Achsen“-Gläubigen, die es nicht über sich brachten, den deutschen Bündnispartner im Stich zu lassen und damit den „Verrat“ von 1915 zu wiederholen. Hinzu kamen zahlreiche jugendliche Idealisten, die im Geist des Faschismus erzogen worden waren und gar nicht daran dachten, ihre faschistischen Grundüberzeugungen über Bord zu werfen und sich auf die Seite des monarchischen Staates zu stellen, der ihnen als Relikt einer überlebten Welt erschien. Das eigentliche Kapital des neuen Regimes bildeten aber die revolutionären Faschisten, die nach 1922 immer wieder an die Kette gelegt worden waren – aber nie resigniert hatten. Sie setzten nun alles daran, ihren Vorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen. Die Ausrufung der Republik, seit den Tagen des Revolutionsträumers Mazzini ein Fernziel vieler Italiener, war nur der erste Schritt gewesen. Ihm sollten viele weitere in Richtung auf ein Staats- und Gesellschaftsmodell folgen, dessen totalitärer Zuschnitt stark an das NS-Regime erinnerte.





