Präsident Roosevelt war im festlichen schwarzen Gehrock, Paletot und Zylinderhut erschienen. Die Gattin des amerikanischen Präsidenten, nach Ansicht des Korrespondenten der “Freisinnigen Zeitung”, “eine sympathische Erscheinung in den besten Jahren”, brillierte in einer schwarzen Seidenrobe mit gleichem Seidenpaletot und dunklem Pelzwerk. Die Hauptfigur des Tages, Fräulein Alice Roosevelt, die Präsidententochter, trug eine dunkelblaue Samtrobe, einen großen runden Hut mit Federn und eine lange Schwarzfuchsboa mit einem riesengroßen Muff. Am Morgen dieses 25. Februar 1902 ließ das Wetter in Washington zu wünschen übrig: es fiel leichter Sprühregen, es war empfindlich kühl und auch die Fernsicht war sehr eingeschränkt. Prinz Heinrich war eigens auf der Yacht Hohenzollern als Vertreter Kaiser Wilhelms II. nach Amerika angereist. Es galt, die auf der Werft von Townsend & Downey gebaute Yacht des Deutschen Kaisers zu taufen und ihrem Stapellauf beizuwohnen. Der Kaiser hatte verlauten lassen, er wolle mit der feierlichen Indienststellung des Schiffes seine Sympathie mit den Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringen.
Nachdem die Festgesellschaft, zu der auch der deutsche Botschafter in den USA zählte, kurz vor zehn Uhr unter Salutschüssen und Jubelrufen auf Shooters Island angekommen war, konnte die Zeremonie beginnen. Der Prinz plauderte noch mit der Präsidententochter, ehe diese den Taufakt feierlich vollzog. Um 10.40 Uhr zerschlug Alice Roosevelt die obligatorische Schaumweinflasche an der Schiffswand und sprach in englischer Spache die Segensworte: “Im Namen des Deutschen Kaisers taufe ich Dich ‚Meteor‘.” Kanonenschüsse, Musik und lauter Jubel ertönten. Nachdem ihr der Prinz einen Blumenstrauß überreicht hatte, zertrennte Fräulein Roosevelt mit einem silbernen Beil die Seile, welche die Yacht hielten, und man konnte verfolgen, wie das Schiff, das die amerikanische Flagge gehißt hatte, erzitterte, vorwärts glitt und die Mitte des Stromes erreichte. Prinz Heinrich überreichte der Präsidententochter inzwischen ein Hutband mit der Aufschrift “Meteor” und knüpfte ihr dasselbe um den Arm. Sogleich nach der Feier meldete der Prinz dem Kaiser im fernen Reich Vollzug: “Soeben ist bei glänzender Beteiligung, von Miß Roosevelts Hand getauft, das schöne Schiff unter großer Begeisterung vom Stapel gelaufen. Ich gratuliere von ganzem Herzen.”
Das Musterbild einer ebenso einträchtigen wie friedlichen Taufszene trügt. Längst tickte hinter der harmlosen Taufkulisse eine Zeitbombe, die bereits in wenigen Tagen die Gemüter der beteiligten Nationen aufs Äußerste erregen sollte. In Deutschland, aber nicht zuletzt auch in Milwaukee, der Stadt der Amerikadeutschen, ging man wie selbstverständlich davon aus, daß am Bug der hoheitlichen Yacht eine Flasche deutschen Sektes zerschellt sei. Daß deutscher Sekt verwendet werden sollte, war dem Festkomitee wenige Wochen vor dem Taufakt von Lobbyisten der Amerikadeutschen und vom Botschafter des Reiches eindringlich nahegelegt worden. Das deutsch-amerikanische Vorbereitungsteam hatte diesem Ansinnen zugestimmt, zumal der Kaiser zuvor einer dahingehenden Immediatbitte des Hauses Söhnlein & Co. aus Wiesbaden-Schierstein zugestimmt hatte, den Festsekt bereitstellen zu dürfen. Eine Magnumflasche der Sektmarke “Rheingold” – gebettet in ein eigens für diesen Zweck hergestelltes Etui aus vornehmem Leder, dessen Schloß und Schlüssel aus echtem Silber gearbeitet waren – war daher über die Deutsche Botschaft an die Inhaber der Schiffswerft ausgeliefert worden. Auf dem Deckel des Etuis war eine Widmung mit folgendem Text eingraviert: “Des deutschen Rheines flüssiges Gold, kredenzt von der deutschesten Stadt des Landes als ein Trankopfer der unverbrüchlichen Freundschaft zwischen den beiden Nationen, welche unserem Herzen am nächsten stehen. Milwaukee, im Februar 1902.”





