Im Jahr 1923 schuf Otto Dix, der damals gerade 32-jährige nachmalige Repräsentant des Weimarer Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, ein scheinbar ganz harmloses Bild eines etwas frivolen jungen Mädchens. Das Aquarell „Mieze. Abends im Café“ zeigt eine Frau von höchstens 20 Jahren mit modischem Kopfschmuck und kokettem Gesichtsausdruck. Sie trägt ein schulterfreies Trägerkleid, das die linke Brust freigibt, die auch von der wärmenden Leopardenstola nicht verdeckt wird. Die Beine sind gespreizt, im Schoß dräut ein dunkles Hündchen mit sorgfältig zurechtgezupfter Schleife. Die spitzen, rot lackierten Finger greifen in manierierter Gestik nach dem Cocktailglas, während der Blick erwartungsvoll in den Raum gerichtet ist. Nun gut, könnte man sagen, ein Genrebild aus einer Großstadtbar während der wilden 20er Jahre, die in den USA damals schon als die roaring twenties galten.
Doch die „Mieze“ von Otto Dix erweist sich als ein überaus kritisches, fast anklagendes Bild. Der Fingerzeig auf das Jahr 1923 legt die Wahrnehmung des Malers von einer Gesellschaft offen, die gänzlich außer Rand und Band geraten zu sein scheint. Die Inflation hatte den Höhepunkt erreicht. Bis zum November 1923 schmolz die Mark auf ein Billionstel ihres Vorkriegswerts von 1913 zusammen. Im Jahr der Hyperinflation 1922/23, als die bereits zur Gewohnheit gewordene, überschaubare Geldentwertung der Kriegszeit zu galoppieren begann, war der Alltag von einem – wie die Zeitgenossen sagten – „Zahlenwahnsinn“ geprägt, dem etwas ganz und gar Irrationales anhaftete. Die Billion, eine Zahl mit zwölf Nullen, entzog sich jedem Vorstellungsvermögen. Der rasende Zerfall des Geldwerts ging mit einer wirbelnden, flirrenden Auflösung sozialer Werte einher, von der niemand sagen konnte, ob das eine vorübergehende Zeiterscheinung war oder ein Zerfall der bürgerlichen Ordnung auf Dauer. In der Hyperinflation galt nichts außer dem, was im je aktuellen Moment einen Wert für den Augenblick darstellte.
„Kein Volk der Welt hat etwas erlebt, das dem deutschen ‚1923‘-Erlebnis entspricht“, schrieb der 30-jährige Sebastian Haffner im englischen Exil rückschauend auf die Inflation. „Den Weltkrieg hatten alle erlebt, die meisten auch Revolutionen, soziale Krisen, Streiks, Vermögensumschichtungen, Geldentwertungen. Aber keins die phantastische, groteske Übersteigerung von alledem auf einmal, die 1923 in Deutschland stattfand. Keins diesen gigantischen karnevalistischen Totentanz, dieses nicht endende blutig-groteske Saturnalienfest, in dem nicht nur das Geld, in dem alle Werte entwertet wurden.“
Verarmung und kurzlebiger Reichtum gingen Hand in Hand. Menschen in Lohn und fester Anstellung, die keinen Grund und Boden besaßen, sondern nur ein paar Sparbücher, und die zur Miete wohnten, verarmten über Nacht. Wenn es schlimm kam, wurden sie aus ihrer Wohnung gekündigt und fühlten sich fortan sozial deklassiert, zumal wenn sie die wenigen Wertsachen versetzen mussten, um beim Bauern oder Kolonialwarenhändler ein paar Lebensmittel zu ergattern.





