von SEBASTIAN ROJEK
Die Frage nach dem Übergang von der NS-Diktatur zur Demokratie umfasst einen der zentralen Forschungsbereiche der Zeitgeschichte. Seit dem Ende des „Dritten Reiches“ sind hierzu zahlreiche Untersuchungen erschienen, die sich etwa auf die Rolle der Alliierten, den Wiederaufbau in ökonomischer und institutioneller Hinsicht, die Politik der Regierung Adenauer sowie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit konzentriert haben. Ein neues Forschungsprojekt, das durch die Baden-Württemberg-Stiftung finanziert worden ist, eröffnet nun neue Perspektiven auf die Zeit der demokratischen „Gründungskrise“ (Hans Günter Hockerts), in der die Zukunft offen war und keineswegs klar, ob die Demokratie sich als erfolgreich erweisen würde.
Welche Geschichten wurden über das „Dritte Reich“ erzählt?
Das Projekt konzentriert sich auf das in der amerikanischen Besatzungszone gelegene Land Württemberg-Baden und rekonstruiert die Verwandlung der „Volksgenossen“ in „Bundesbürger“. Es geht der Untersuchung also weniger um die hohe Politik, als vielmehr um „ganz normale“ Deutsche. Der Blick richtet sich auf diejenigen Quellen, in denen die Zeitgenossen verschiedene Geschichten über das „Dritte Reich“ erzählten. Hierzu gehören Bürgerbriefe an die Behörden, in denen es um Vergangenheit und Zukunft Deutschlands ging, Reden und öffentliche Verlautbarungen, in denen die staatlichen Stellen selbst Narrative verbreiteten. Außerdem ein rechtsterroristischer Anschlag, der erneut zur Diskussion über die unmittelbare Vergangenheit anregte, sowie wöchentliche Polizeiberichte, in denen über die Stimmung in der Bevölkerung informiert wurde. Zuletzt sind vor allem die Meldebögen zu nennen, die im Zuge der Entnazifizierung von allen volljährigen Bürgern ausgefüllt werden mussten.
Um das Projekt einer Demokratiegründung zum Erfolg zu führen, veranlassten die Alliierten die sogenannte Entnazifizierung. Für dieses Vorhaben wurde ein eigenes Ministerium geschaffen, dem der Sozialdemokrat Gottlob Kamm vorstand. Das Ministerium hatte die Aufgabe, die gesamte volljährige Bevölkerung hinsichtlich ihrer Verwicklung oder Nicht-Verwicklung in den Führerstaat und seine Verbrechen zu überprüfen. Zu diesem Zweck mussten sämtliche Bürger einen Meldebogen ausfüllen, der im Grunde einen politischen Lebenslauf erfragte, auf dessen Grundlage die Bürgerinnen und Bürger dann in fünf Kategorien (Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete) eingeordnet wurden, die je nach Einordnung mit Sühnemaßnahmen belegt waren. Im Fall der Belasteten drohte noch ein sogenanntes Spruchkammerverfahren.
Die Bürger standen damit vor einer schwierigen Aufgabe, musste doch nun jeder und jede Befragte mittels des Meldebogens versuchen, den eigenen Lebenslauf so darzustellen, dass die Einordnung in eine der attraktiven Kategorien wahrscheinlich erschien. Die Beamten wiederum überprüften diese Bögen, gerade auch hinsichtlich dessen, ob die Bürger ihre Mitgliedschaften in der Partei oder deren Gliederungen korrekt angegeben hatten. Im Fall von Fragebogenfälschungen drohten empfindliche Strafen.





