Wer sich in Frankreich durch Schlösser, Kirchen oder auch Städte führen läßt, dem kommt oft die Klage zu Ohren, wie vieles der einstigen Pracht am Ende des 18. Jahrhunderts verlorengegangen sei. Inzwischen hat sich das Zertrümmern dessen, was als Symbol der Feudalherrschaft verhaßt war, stärker in unser Gedächtnis eingetragen als die von einigen französischen Revolutionären unternommenen Anstrengungen, die Besitztümer des Ancien Régime zum Nationalbesitz zu erklären, zu schützen und in Museen allen Bürgern zugänglich zu machen. Zu Unrecht, denn die von den Revolutionsregierungen eingesetzten Kommissionen erarbeiteten Richtlinien und Gesetze, die nicht weniger nachhaltig waren als der wütende, von regierenden Institutionen angefeuerte Vandalismus. Im Grunde wurden dabei die Voraussetzungen auch für die 1954 in Den Haag beschlossenen Vereinbarungen für den Schutz von Kulturgütern in Kriegsgebieten sowie für die Definition des Weltkulturerbes der UNESCO geschaffen.
Die Überreste der bildenden Kunst des Ancien Régime zu schützen, wurde allerdings so richtig erst nach dem Sturz Robespierres möglich. Auch dann sah sich das Direktorium (die Regierung) aber mit dringlicheren Aufgaben konfrontiert, und so blieb die Sorge um die Kunstwerke de facto der Initiative Einzelner überlassen. Unter diesen ragt Alexandre Lenoir heraus, der im Paris der Revolutionszeit ein eigenwilliges „Musée des Monuments français“ schuf. In Frankreich zählt es bis heute zu den zentralen Erinnerungsorten und wurde lange als uneingeholtes Ideal lebendiger nationaler Geschichtsvermittlung geschätzt.
Alexandre Lenoir, am 26./27. Dezember 1761/62 in Paris geboren, wollte eigentlich Maler werden. Für seine epigonenhaft klassizistischen Gemälde hätte ihm die Nachwelt sicher keine Kränze gewunden. Erst die besonderen Umstände der Französischen Revolution rissen seine Liebe zur Kunst aus der Mittelmäßigkeit heraus. Noch zu Lebzeiten wurde er als Retter vieler Kunstschätze, als conservateur du Patrimoine gefeiert und bis Ende des 19. Jahrhunderts hochverehrt. Wie eindrucksvoll und mutig diese Rettung war, läßt sich an einem Gemälde Pierre Joseph Lafontaines ablesen. Er malte Lenoir geradezu in der Gestalt eines antiken Heros, wie er im August 1793 vor den Grabstätten der Königskathedrale zu Saint Denis beherzt den Revolutionären entgegentritt. Grandioser noch als die Grablege erscheint ihr Retter, der unter Einsatz seines Lebens dem Erlaß des Nationalkonvents, die Grabstätten der französischen Könige zu zerstören, zuwiderhandelt.
Eine gewisse Berechtigung, Kunstschätze unter seine Fittiche zu nehmen, besaß Lenoir, seit ihn die konstituierende Versammlung 1791 zum Verwalter eines provisorischen Depots in der Rue des Petits-Augustins bestellt hatte. In die Räumlichkeiten des dortigen Augustiner-Konvents wanderte nach und nach alles, was aus Palästen, Kirchen und öffentlichen Plätzen an Gemälden, Statuen, Gefäßen usw. mehr oder minder sachgerecht entfernt worden war. Was damit ge-schehen sollte, ob es etwa gewinnbringend verscherbelt werden sollte, läßt sich nicht sagen. Anfangs dachte aber sicher niemand daran, das Depot in ein Museum umzuwandeln. Über Jahre hinweg verzeichnete Lenoir in seinem Tagebuch akribisch Herkunft, Thema, Material und Zustand der angelieferten Kunstwerke. Lakonisch notierte er gelegentlich, den Boten auf Schäden hingewiesen zu haben oder daß er Bronzestatuen nur gegen die Aushändigung einer ähnlichen Menge von Bronze habe erhalten können. Überliefert ist, daß er Bronzestatuen manchmal vor Ort weiß anstrich, um den unkundigen Revolutionären das Metall zu verheimlichen. Auch im Depot mußte er die Schätze noch gegen Kommissare verteidigen, die auf der Suche nach kriegswichtigem Material waren. Das postum veröffentlichte Tagebuch ist die nüchterne Bilanz eines gigantischen Zerstörungswerks, dem Lenoir Einzelnes zu entziehen vermochte.





