Mehr als eine Milliarde Fernsehzuschauer waren Zeugen des Skandals. Über der Aussegnung des alten und der Einsetzung des neuen Papstes schwebte, penetrant wie ein ungebetener Gast, ein anderer Pontifex maximus: Paulus V. Burghesius Romanus prangt auf dem vorspringenden Mittelstück der Peterskirchenfassade – exakt dort, wo man eine Inschrift zu Ehren des heiligen Petrus, des Begründers des Papsttums, erwarten sollte. Dieser jedoch ist marginalisiert, ganz an den zurückgesetzten linken Rand verbannt. Daß hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten war, vermerkten schon zeitgenössische Spottverse. Ihr Tenor: Wer sich so penetrant ins Blickfeld drängt, muß es verzweifelt nötig haben. Und so war es auch: faktengestützte Hochstapelei.
Paul V., der 1612 den anstößigen Text in Auftrag gab, war in der Tat „Romanus“, das heißt in Rom geboren, doch kein Römer im eigentlichen Wortsinn. Sein Vater Marcantonio Borghese (1504–1574), ein überaus erfolgreicher Jurist und als solcher im Europa der sich allmählich ausbildenden Basisbürokratien überall heiß begehrt, war gerade rechtzeitig aus Siena, der Stammheimat der Familie, an den Tiber übergesiedelt, um seinen Sohn dort 1552 das Licht der Welt erblicken zu lassen.
In Siena gehörten die Borghese zu den einflußreicheren Familien, doch standen sie, gemessen an Besitz und vor allem Prestige, weit unter den vornehmen Adelssippen vom Rang der Piccolomini oder Salimbeni. Was ihr Prestige in Siena zusammen mit den juristischen Talenten Marcantonios in Rom wert war, zeigte sich an dessen Heirat. Seine Braut Flaminia Astalli entstammte dem römischen Stadtadel, einer Elite zweiten Ranges, die zu den exklusiven Baronalklans der Colonna und Orsini mit ihren Dutzenden burgengestützter Lehnsherrschaften im Kirchenstaat und dem südlich anschließenden Königreich Neapel nur ehrfurchtsvoll staunend emporblicken konnte. Doch war Marcantonios Sprung auf diese zweitoberste Stufe der römischen Gesellschaftspyramide in Anbetracht der Umstände ein Erfolg. Denn schließlich kam er nicht nur aus der Provinz, sondern zudem unfreiwillig. Die von den Machtkämpfen rivalisierender Klan-Netzwerke zerrissene Republik Siena nämlich taumelte ihrem Ende entgegen. Der Nutznießer dieser Selbstzerstörung stand bereit: Cosimo de’ Medici, Herzog der Toskana, der 1555 seinem Herrschaftsbereich das Territorium des ehemals so stolzen Freistaats Siena einverleibte.
Mit vier das Erwachsenenalter erreichenden Söhnen gesegnet, konnte es sich Marcantonio erlauben, zwei von diesen in die kirchliche Laufbahn zu plazieren – in der geistlichen Wahlmonarchie Rom war das die Option auf eine noch viel glänzendere Zukunft. Von den beiden jungen Prälaten tat sich vor allem Orazio (1553–1590) durch Tatkraft und sozialen Wagemut hervor. Er vermochte die übrigen Familienangehörigen zu einer Hochrisiko-Operation zu überreden. Sie bestand darin, ihr gesamtes Vermögen nebst mühsam zusammengekratzten Krediten in den Kauf eines hohen geistlichen Amtes zu investieren, welches die Anwartschaft auf ein Kardinalat in sich barg. Segnete sein Inhaber jedoch vor dem Gewinn des roten Hutes das Zeitliche, dann strich die päpstliche Kammer das Kapital ein, ersatzlos.





