Fast 3000 Meter ragt der höchste Gipfel in den Himmel über Griechenland: Es erscheint nachvollziehbar, dass die Menschen der Antike das höchste Bergmassiv ihrer Heimat mit dem Sitz der Götter identifizierten. Der Mythologie zufolge wohnte und thronte dort der Göttervater Zeus, umringt von seiner Familie in lichterfüllter Pracht. Diese Vorstellung hat sich bekanntlich kulturell tief verwurzelt: Der Begriff „Olymp“ hat auch für uns noch eine markante Bedeutung. Dennoch gibt es bisher kaum wissenschaftliche Werke, die sich gezielt mit dem symbolträchtigen Gebirge und seiner Geschichte befassen. Mit der Veröffentlichung „Der Olymp. Sitz der Götter zwischen Himmel und Erde“ schließt Lichtenberger nun diese Forschungslücke, berichtet die Universität Münster. Das Buch des Archäologen basiert dabei auf einer umfangreichen Recherche der vielschichtigen Informationen rund um das mythologische Gebirge.
Irdisch, aber auch himmlisch und überall
Als einen grundlegenden Aspekt hebt Lichtenberger hervor: „Die Kenntnis des geografischen Ortes und sein Platz in der Vorstellungswelt der Menschen klaffen nirgends so weit auseinander wie beim Olymp.“ Denn wie er erklärt, hat in der Antike die reale Gipfelwelt keiner zu Gesicht bekommen: Bergsteigerei war damals nicht üblich und so blieb das Bergmassiv entrückt und geheimnisvoll. Bestiegen wurde der höchste Gipfel des Olymp sogar erst im Jahr 1912. „Der Olymp blieb lange ein weitgehend unbekannter, aber geografisch präsenter Ort“, so Lichtenberger. Darin unterschied er sich vom Hades – der antiken Unterwelt, die keine realgeographische Entsprechung besaß. „Im Fall des Olymp entstanden durch die doppelte Bedeutung Vorstellungen, die schillernd changierten zwischen realem Berg und überweltlichem Göttersitz“, erklärt Lichtenberger. Das Bild vom Göttersitz wurde dabei auch räumlich losgelöst betrachtet und galt ähnlich wie „der Himmel“ als universell übertragbar.
In der Antike waren die Vorstellungen vom Olymp stark von der „Illias“ des Homer geprägt, berichtet Lichtenberger. Auch bei dem antiken Dichter stand der mythologische Götterwohnsitz im Zentrum und weniger der Ort. In den Bildzeugnissen der Zeit dominiert der überirdische Charakter ebenfalls – eine Darstellung der Berg-Topografie findet sich kaum. Andererseits war die Region um den realen Olymp auch stets von strategischer Bedeutung und Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. In der Antike bildete sich dadurch die doppelte Wahrnehmung als mythologischer und tatsächlicher Ort heraus, berichtet der Autor. Wie er erklärt, findet sich dieses duale Prinzip interessanterweise auch später im Christentum wider: Jerusalem ist zunächst eine reale Stadt in Palästina und Ort des religiösen Geschehens. In der Johannesapokalypse wird aber auch ein himmlisches Jerusalem präsentiert. „Wir finden hier vergleichbar zu der Vorstellung vom Olymp denselben Dreischnitt von irdisch zu himmlisch zu potenziell überall“, so Lichtenberger.





