Maria Tudor – Prinzessin, Bastard, Rehabilitierte, Königin, religiös Verfolgte, religiös Verfolgende, Scheinschwangere und Gattin eines Mannes, den ihr Volk nicht liebte und der sie nicht liebte. Maria war vieles, aber vor allem war sie eine Interpretation, eine Projektionsfläche, ein Symbol – für ihre Zeitgenossen und die folgenden Generationen, bis heute.
Kein König und keine Königin Englands wurden häufiger geschmäht und abgeurteilt. Was bleibt also von Marias Regierungszeit? Was ist ihr Vermächtnis als erste Frau auf dem englischen Thron? Für ihre protestantischen Zeitgenossen, die die öffentliche Meinung maßgeblich bestimmten, war diese Frage eindeutig: Maria war eine blutrünstige, Protestanten mordende „Isebel“. Die phönizische Königin Israels dieses Namens aus dem Alten Testament steht stellvertretend für falsche Propheten; Isebel glaubte laut den biblischen Autoren nicht an den einen Gott und tötete Israeliten.
Maria wurde auch mit römischen Kaisern wie Caligula, Nero, Domitian oder Diokletian verglichen, unter deren Herrschaft es zu Christenverfolgungen kam. Die protestantische Kampagne um die Interpretation ihrer Herrschaft startete bereits zu Lebzeiten der Königin und nahm nach ihrem Tod nochmals Fahrt auf. Denn unmittelbar danach kamen die meisten protestantischen Exilanten wieder zurück, darunter John Foxe, der mit seinem „Buch der Märtyrer“ von 1563 Maria für immer zur „Bloody Mary“ machte.
Eine sehr eingängige, mächtige Wortkombination, die selbst heute fast jeder kennt, zumindest als gewöhnungsbedürftigen Cocktail aus Wodka, Tomatensaft und Tabasco. Aber auch das Image, das die Worte „Bloody Mary“ von Maria zeichnen, ist allgegenwärtig. Sei es die Bezeichnung Marias als „Killer Queen“ in der Gruselwelt des „London Dungeon“ oder ihre Darstellung in dem Film „Elizabeth“ von 1998. Während darin Cate Blanchett eine schöne, strahlende Elisabeth verkörpert, wird ihre ältere Stiefschwester und Vorgängerin von Kathy Burke als hysterische, unattraktive Antagonistin dargestellt. Und selbst die aktuelle Amazon-Serie „My Lady Jane“ (2024) bedient das alte Klischee.
Die englische Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert, die übrigens maßgeblich von Protestanten geprägt war, nahm das Bild, das John Foxe von Maria zeichnete, gerne auf und versuchte es historisch zu belegen. Maria sei ein Hindernis auf dem glorreichen Weg des Empires zur weltumspannenden Supermacht gewesen.
Noch in den 1970er und 1980er Jahren wurde sie als eine „Unfähige“ beschrieben, und ihr Geschlecht sah man als Makel an – genau wie schon 500 Jahre zuvor. Sie sei „im Herzen eine Hausfrau“ gewesen, die sich mehr für das Wohlergehen ihrer Familie als für das Regieren interessierte. Eine Interpretation von Männern.





