“Den Gefahren des gegenwärtigen Kutschensystems (wie z.B. mangelhafte Beherrschbarkeit der Pferde, Unachtsamkeit der Kutscher, Tierquälerei, schlechter Zustand der Straßen usw.) würde man auf dem Schienenweg nicht begegnen, denn dessen solider Unterbau macht es unmöglich, daß ein Fahrzeug umstürzt oder vom Weg abkommt; da der Schienenweg vollkommen eben und glatt sein muß, droht auch bei erhöhter Geschwindigkeit keine Gefahr, denn die mechanische Kraft wirkt gleichförmig und regelmäßig, im Unterschied zur Pferdekraft, die bekanntlich genau das Gegenteil ist.” Dies schreibt ein englischer Eisenbahnpionier, Thomas Gray mit Begeisterung. Positiv fällt der Vergleich von Mensch und Tier auch bei anderen aus. So ist für Hermann Fürst von Pückler-Muskau, der die Eisenbahn schon sehr früh, nämlich 1827, in einem Brief kommentiert, die Eisenbahn eine Art Wunderwesen: “Höre, was das erwähnte Ungetüm alles leistet. Als erstes ist seine Nahrung die wohlfeilste, denn es frißt nichts als Holz und Kohlen. Es braucht aber gar keine, sobald es nicht arbeitet. Es wird nie müde und schläft nie. …Endlich ist es so folgsam, obgleich seine Stärke der von hundert Pferden gleichkommt, daß ein Kind von vier Jahren mit dem Druck seines kleinen Fingers … seine ungeheure Arbeit zu hemmen imstande ist.” Für manche dagegen wirkt die Eisenbahn geradezu dämonisch, da sie, wie man damals empfand, mit übermenschlicher Geschwindigkeit dahinrase. So bezeichnet Annette von Droste-Hülshoff 1842 in einem Brief die Eisenbahn als “heulendes Ungeheuer”. So die damalige Empfindung, obwohl die frühen Eisenbahnen in England durchschnittlich 20 bis 30 Meilen pro Stunde fuhren, also etwa nur das Dreifache der Postkutschen-Geschwindigkeit. Doch das genügte, um die Reiseerfahrung grundlegend zu verändern. “Wenn wir in der alten Postkutsche saßen, brauchten wir zur Feststellung der Geschwindigkeit keinen Beleg außer uns selbst…Die lebendige Erfahrung unserer Sinne ließ keinen Zweifel über unsere Geschwindigkeit zu; wir hörten die Geschwindigkeit, wir sahen sie, wir spürten sie als Erregungszustand; diese Geschwindigkeit war nicht das Produkt blinder und empfindungsloser Kräfte, die in keinem Einklang mit uns standen, sondern sie lebte in den feurigen Augen des edelsten Tieres, in seinen erweiterten Nüstern, seinem Muskelspiel, seinen donnernden Hufen” (Der englische Schriftsteller Thomas de Quincy 1849). Die neue Art des Reisens wird mit einem Schuß verglichen, so unmäßig erscheint den frühen Reisenden die Schnelligkeit. Dagegen sah die englische Zeitung “The Fingerpost” schon 1825 durchaus Vorzüge in der Mechanisierung des Reisens und betonte dabei den Sicherheitsaspekt. “Es steht zu erwarten, daß in nicht allzu langer Zeit der nervöse Mensch einen von einer Lokomotive gezogenen Wagen besteigen und sich dabei wesentlich sicherer fühlen wird als noch zu der Zeit, da er in einem Wagen reist, der von vier Pferden gezogen wird, die alle verschieden stark und verschieden schnell, eigensinnig und unkontrollierbar sowie mit allen Schwächen des Fleisches behaftet sind.” Geradezu euphorisch erlebten aufgeschlossene Zeitgenossen die Eisenbahnfahrt. Der für das “Junge Deutschland” begeisterte Schriftsteller Theodor Mundt etwa beschreibt 1837 in einem Brief aus London: “Wissen Sie, welches mein Lieblingsvergnügen hier in London ist? Täglich eine Partie auf der Eisenbahn nach Greenwich machen…Diese herrliche Bahn…durchschneidet schöne und lachende Flure mit der Grazie eines Vogels, und die Bewegung auf ihrem Rücken ist so angenehm und gleichmäßig, daß man sich dabei allen Illusionen des Fluges und dem Glauben an das Schicksal selbst, das sich des Fortkommens der Menschheit annimmt, überlassen kann.” Die Geschwindigkeit wird hier zum Garant des Menschheitsfortschritts.





