Orte des Rittertums besitzen bisweilen erstaunliche Kontinuität. Besucher des mittelalterlichen Vorbildern nachempfundenen Dornröschenschlosses im Disneyland in Paris mögen dies kaum ahnen, wenn sie von hohen Zinnen hinunter auf das Carrousel de Lancelot blicken. Nur we‧nige von denen, die dem Reigen der bunten Ritterpferde zusehen, werden wissen, dass der Vollender des ersten mittelalterlichen „Lanzelot“-Romans kaum drei Kilometer entfernt in La‧gny-sur-Marne beheimatet war. Und kaum eines der Kinder, die auf dem Karussell als Artusritter ins Aben‧teuer galoppieren, wird vermuten, in welchem Maß das weitläufige MarneTal einst tatsächlich das Ziel ritterlicher Träume war.
Hier hatten sich im November 1179 angeblich 3 000 Panzerreiter mit ihrem Gefolge zum wohl größten Turnierereignis des hohen Mittelalters versammelt: „Dort konnte gesehen werden, wie Banner entrollt wurden, so viele und verschiedene, dass niemand sie vollständig zu zählen oder im Einzelnen zu beschreiben vermag. Das ganze Feld war von ihnen überzogen, die Ebene so erfüllt, dass keine Spanne Boden mehr sichtbar war“, lesen wir in einem zeitgenössischen Gedicht über das Turnier von Lagny, ausgerichtet vom frisch gekrönten französischen König Philipp II. August. Anwesend waren zahlreiche Magnaten der angrenzenden Länder, allen voran der englische Thronfolger Heinrich Plantagenet, der mächtige Graf Philipp von Flandern sowie 18 weitere Grafen. Auch weniger bedeutende Ritter waren angereist, dar‧unter William Marshall, der stolz an der Spitze eines eigenen Ritterbanners ritt. Er war der Mann des Tages, nicht zuletzt deshalb verdanken wir seiner Lebensbeschreibung eine Turnierschilderung, die uns spannend wie eine Reportage in die Welt des ritterlichen Wettkampfs entführt.
Was wir bei William Marshall in etwa 500 Versen über das Geschehen an der Marne lesen, hat wenig gemein mit dem Idealbild des zeremoniellen Einzelkampfs, wie es moderne Genrefilme von „Ivanhoe“ bis „Ritter aus Leidenschaft“ zeigen. Der „Tjost“, bei dem die Kämpfer paarweise gegeneinander antraten, spielte in La-gny nur eine untergeordnete Rolle. Das eigentliche Turnier auf dem mittelalterlichen Höhepunkt seiner Popularität folgte einem gänzlich anderen Regelwerk. Nicht auf Kampfbahnen zwischen fest installierten Schranken kam es zum wohlplazierten Lanzenstoß, sondern es standen sich auf einem mehrere hundert Hektar großen Areal schwergepanzerte Reiterformationen gegenüber: „Eine Schar spornte die Pferde an, um die andere zu treffen. Ich kann euch sagen, dass der Zusammenprall keine leise Sache war. Großes Getöse und großer Lärm. Alle strebten, sich gut zu schlagen. Dort hättet ihr hören können, wie so viele Lanzen splittern, dass die Bruchstücke, die zu Boden fielen und dort durcheinander lagen, die Pferde beim Angriff behinderten.“
Seinen Namen verdankt das Turnier vermutlich einem charakteristischen Reitermanöver, der altfranzösisch torner genannten Kehre. Meist bestand die Taktik der beiden Kampfparteien darin, im frontalen Lanzenangriff die Reihen der gegnerischen Schar zu durchbrechen. War dies einer Seite geglückt, beschrieb der Reiterverband unter Beibehaltung der Formation eine Wende, um die in Unordnung geratenen Gegner im Rücken zu attackieren.





