„Tamquam alter Nabucadnezar”, wie einst der babylonische König Nebukadnezar in Jerusalem, so sei der Pfalzgraf Ottheinrich in das vor der Auflösung stehende Kloster Lorsch eingefallen und habe dessen Bibliothek an sich gerissen. So berichtet es die 1564 bis 1566 verfaßte Zimmersche Chronik. Zwar hat Ottheinrich seine Büchersammlung nicht immer auf so spektakuläre Weise vergrößert, sondern viele Bände auf redliche Art erworben. Sein Schuldenberg kam schließlich nicht von ungefähr. Doch wer dem Pfalzgrafen Bücher lieh, konnte keinesfalls sicher sein, daß er sie jemals zurückerhielt…
Unter den Büchern, die Ottheinrich in Lorsch abtransportieren ließ, war auch das berühmte Lorscher Evangeliar, das durch den Coup Ottheinrichs wahrscheinlich vor der Zerstörung bewahrt worden ist. Ottheinrich von Pfalz-Neuburg war unter den Wittelsbachern keine Ausnahmeerscheinung. Viele seiner Vorfahren waren leidenschaftliche Büchersammler. Und so bildete denn auch die “fahrende Habe” der Landshuter Herzöge den Grundstock für seine Sammlung. Und ein Teil dieser “fahrenden Habe” war die später nach Ottheinrich benannte Bibel, eine der schönsten Schöpfungen der deutschen Buchmalerei. Noch bis vor einigen Jahren ist die Forschung davon ausgegangen, daß Ottheinrich die unvollendete Prachthandschrift des Neuen Testaments als junger Mann erworben und später hat vollenden lassen. Untersuchungen im Zusammenhang mit der Faksimilierung der Bibel haben aber nun ergeben, daß sie Ottheinrich bereits geerbt hat. Denn es scheint nun festzustehen, wer die Handschrift um 1430 in Auftrag gegeben hat: Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt. Das wichtigste Indiz dafür lieferten die Wappen aus dem verlorenen Originaleinband, die sich – bisher unentdeckt – auf den inneren Seiten einer im 19. Jahrhundert für die Ottheinrich-Bibel angefertigten Einbandhülle erhalten haben. Ludwig hatte lange Jahre am Hof seiner Schwester, der berühmten französischen Königin Isabeau de Baviére, gelebt und dort nicht nur viel Geld verdient, sondern bei seiner Rückkehr auch eine Vorliebe für Frankreich nach Bayern gebracht. Eine französischer Wahlspruch im Hieronymus-Prolog hatte daher schon zu der Vermutung geführt, daß Ludwig deren Auftraggeber gewesen sein könnte – eine Vermutung, aus der jetzt Gewißheit wurde.
Nach dem Tod Ludwigs VII. ging die Bibel in den Besitz der Landshuter Linie des Hauses Wittelsbach über und von dieser wiederum an die Mutter Ottheinrichs, einer Tochter des letzten Landshuter Herzogs. Noch heute ist die populäre Auffassung weit verbreitet, daß Martin Luther 1534 die Bibel erstmals ins Deutsche übersetzt habe. Doch dem ist nicht so: Bereits um 1350 entstand in Augsburg die erste deutschsprachige Bibel. Der Text dieser Handschrift, die keine Bilder oder sonstigen Schmuck enthält, wurde wiederum zur Vorlage für den Text der Evangelien in der Ottheinrich-Bibel. Dieser Text wurde von einem einzigen Schreiber vollständig ausgeführt. Der frühneuhochdeutsche Text ist in zwei Spalten sehr gleichmäßig und sorgfältig geschrieben und daher auch gut lesbar. Dabei ließ der Schreiber auf den entsprechenden Seiten Platz für Malereien, Bordüren und Initialen, die später hinzukommen sollten. An diese leeren Stellen schrieb wohl ein Geistlicher Anweisungen für den bzw. die Maler. So schrieb er etwa an den rechten Rand des 50. Blattes: “Gemälde. Jesus war im Schiff, und zwei Schiffe waren mit ihm, und es erhob sich ein großer Sturmwind, so dass das Schiff vollief. Und er selbst war im hinteren Teil des Schiffes und schlief auf einem Kissen, und die Jünger weckten ihn…” Durch diese Anweisung wußte der Maler genau, was an dieser Stelle von ihm erwartet wurde. Diese Vorgehensweise zeigt aber auch, daß hinter dem Gesamtwerk ein durchdachtes Konzept stand, das wahrscheinlich auf diesen Geistlichen zurückgeht.





