von ANNA CORSTEN
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die meisten Menschen die Verbrechen der NS-Herrschaft vergessen und nach vorne schauen. Dies galt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Siegermacht USA. Viele der in Deutschland verfolgten Gruppen waren zwischen 1933 und 1941 über den Atlantik geflohen, um ihr Leben zu retten.
Auch nach Kriegsende riss der Strom der Geflüchteten nicht ab. Zahlreiche Überlebende des Holocaust emigrierten in die USA. Zwar bemühten sie sich, dort ein neues Leben aufzubauen, die Schrecken der Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung, den Verlust von Freunden und Angehörigen konnten und wollten einige von ihnen jedoch nicht verdrängen. Das Schweigen, das sich in Europa und den USA über den nationalsozialistischen Genozid ausbreitete, akzeptierten sie nicht. Stattdessen engagierten sie sich für eine lückenlose Aufarbeitung der Verbrechen.
Der Historiker Raul Hilberg schreibt gegen das Vergessen
Zu ihnen zählte der am 2. Juni 1926 in eine jüdische Familie in Wien geborene Raul Hilberg. Nachdem Hilbergs Vater während des Novemberpogroms im Jahr 1938 verhaftet worden war und einzig sein Veteranenstatus als k. u. k. Soldat des Ersten Weltkrieges ihn vor der Deportation nach Dachau bewahrt hatte, entschied sich die Familie für eine Emigration in die USA, wo die Mutter Verwandte hatte. Am 1. April 1939 verließen die Hilbergs Wien und emigrierten über Frankreich und Kuba in die USA. Zahlreiche Angehörige aus dem weiteren familiären Umfeld dagegen blieben in Galizien, woher Hilbergs Eltern ursprünglich stammten, und wurden während des Holocaust ermordet.
Bereits im Jahr 1945 kehrte Hilberg als Teil der US-amerikanischen Armee nach Europa zurück. Viele der Deutschen, die ihm nach der Kapitulation begegneten, erlebte er als antisemitisch und zutiefst überzeugt von der nationalsozialistischen Ideologie. Aus diesen Erfahrungen heraus entschloss er sich dazu, für die nächsten 40 Jahre alles Deutsche zu boykottieren, keine deutschen Waren zu konsumieren und deutschen Boden nicht mehr zu betreten.
Hilberg begann ein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte in New York. Für Entsetzen sorgte bei ihm die Feststellung, dass seine Dozenten den Nationalsozialismus und Holocaust überhaupt nicht thematisierten. Der ebenfalls aus Deutschland emigrierte Historiker und Professor Hans Rosenberg behauptete Hilbergs Erinnerung zufolge in einer Vorlesung, es habe in Europa keine schlimmeren Verbrechen gegeben als die während der französischen Besatzung Spaniens unter Napoleon verübten. Als Hilberg ihn daraufhin fragte, was denn mit den sechs Millionen im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden sei, habe Rosenberg geantwortet, er könne auf die Frage nicht näher eingehen, weil es sich um ein kompliziertes Problem handle. Diese und ähnliche Reaktionen sah Hilberg als symptomatisch für den Wunsch an, das Geschehene zu vergessen, der auch unter vielen ehemals Verfolgten vorherrschte.





