Ihr Szenario gestaltet sich folgendermaßen: Ungarn hatte bis 1944 kaum seine sozialen Probleme angegangen und mußte, je weiter der Krieg fortschritt, mit sozialen Schwierigkeiten rechnen. Für Deutschland war das Land ökonomisch wichtig, daher war die Entscheidung, es am 1944 drohenden Frontwechsel zu hindern, rational. Dabei hinderte die ungarische Souveränität die Deutschen daran, über die Köpfe der Ungarn hinweg die Juden zu ermorden. Daher – so der Tenor – sei es der ungarische Faktor gewesen, der die Deportationen und Morde erst möglich gemacht habe.
Für Teile der magyarischen Eliten schien die Deportation der Juden eine günstige Gelegenheit zu sein, viele Probleme zu lösen. Mit den durch antisemitische Diskurse vorbereiteten, auf Zustimmung gerade der sozial Benachteiligten treffenden Aktionen gegen die Juden gewann man Land für den ungarischen Landhunger, ohne den magyarischen Großgrundbesitz angreifen zu müssen, und man überwand vorübergehend durch die mit der Deportation verbundenen Raubmaßnahmen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Kriegswirtschaft. Eines der spannendsten Kapitel handelt davon, wie gekonnt einerseits den Todgeweihten ihr Vermögen geraubt wurde, andererseits aber auch die Verteilung des Raubguts den Staat als Wohltäter erscheinen ließ, und wie dieser damit inflationsdämpfende Maßnahmen verband.
Auch die deutsche Seite erscheint in einem “rationalen” Kontext. Wegen der fortbestehenden ungarischen Souveränität und der Rücksicht, die die Deutschen nachweislich darauf nahmen, konnten die Besatzer nur mit “Bitten” an die ungarische Verwaltung operieren. Militärischen Druck gab es gerade zur Zeit der Deportationen bis Mitte 1944 nicht: im Gegenteil wurde das Militär zu dieser Zeit abgebaut und erst im August 1944 verstärkt, als sie vorbei waren. Und am überraschendsten – das deutsche Verlangen nach Zwangsarbeitern sei real gewesen. 1944 habe eben nicht mehr Vernichtung, sondern rein materielle Nutzung der verbliebenen Juden Europas im Vordergrund gestanden. Ermordet worden seien die tatsächlich Arbeitsunfähigen, während für die Arbeitsfähigen, wenngleich unter schrecklichen Bedingungen, gewisse Überlebenschancen bestanden hätten. Nicht einmal die Irrationalität der Belastung der eigentlich für militärische Zwecke gebrauchten Transportwege mit Deportationszügen bleibt als “unsinniges” Element bestehen: Als die Deportationen nach Auschwitz stattfanden, seien die benutzten Nebenstrecken wenig befahren gewesen und die Deportationszüge hätten nur einen minimalen Aufwand erfordert.
Selbst die winterlichen Todesmärsche und Zwangsarbeiterrekrutierungen in Budapest, die einsetzten, nachdem Horthy am 15. Oktober 1944 Ungarns Kriegsaustritt erklärt hatte und nun doch die Pfeilkreuzler und die ihnen nahestehenden Deutschen selber agieren konnten, werden primär “rational” erklärt. Die Grausamkeiten und Massenmorde seien neben dem Sadismus der Täter nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben gewesen, daß der Einsatz der Arbeitskräfte im zusammenbrechenden Reich gar nicht mehr durchzuführen gewesen sei.





