Noch zu Lebzeiten ließ er sich ein Grabmal aus Steinquadern bauen, ein Gebäude von ungewöhnlicher Größe, und ließ einen riesigen Felsen suchen, um ihn darauf zu plazieren.“ So steht es in einer als „Anonymus Valesianus“ bezeichneten Schrift eines unbekannten Autors aus der Mitte des 6. Jahrhunderts. Glaubt man dies,…
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Den Monolithen, der wie die Felsquader aus Kalkstein aus Istrien besteht, betreffen gleich mehrere grundlegende und ungeklärte Fragen, zuallererst: Wie wurde der riesige Felsbrocken über das Meer nach Ravenna transportiert und dort auf das Dach des Gebäudes gehievt? Mehrere technische Lösungen wurden erwogen: der Transport auf einem Floß oder zwei nebeneinander fahrenden Schiffen, die Beförderung auf das Dach via Flaschenzug oder über sich drehende Walzen.
Gerätselt wurde auch, ob die zwölf henkelartigen Kragsteine auf dem Dach, in die die Namen der zwölf Apostel eingraviert sind, zunächst der Plazierung des Monolithen dienten, ehe sie zu reinen Schmuckelementen wurden. Und der lange, gut sichtbare Riss im Stein: Entstand er vielleicht beim Transport und nicht – wie eine lokale Legende behauptet – durch einen Blitzeinschlag?
Aber warum wurde überhaupt ein Monolith als Dachbedeckung gewählt? Sollte er einfach nur Macht und Kraft ausdrücken? War er von nordischen Gräbern inspiriert, die mit Steinen abgeschlossen wurden? Verbarg sich darin eine Anspielung auf das Himmelsgewölbe?
Eine der vielen unbeantworteten Fragen: Wo lag eigentlich die Grabkammer?
Zweifellos wurde ein gewaltiger Aufwand für Theoderichs Grabmal betrieben. Dies spricht wiederum dafür, dass der Bau tatsächlich – wie im „Anonymus Valesianus“ berichtet – noch zu Theoderichs Lebzeiten errichtet wurde. Denn die Jahre nach seinem Tod waren von politischer Instabilität geprägt und boten daher kaum das richtige Umfeld für die Errichtung eines Prachtbaus.
Diese Annahme beantwortet jedoch nicht die Frage, ob der Bau bei seinem Tod abgeschlossen war. Von manchem Experten ist ganz im Gegenteil vermutet worden, dass das Mausoleum, so, wie es dasteht, gar nicht das intendierte Endprodukt der Bemühungen seiner Erbauer darstellte, sondern nie wirklich fertiggestellt wurde.
Was heute in Ravenna steht, ist rätselhaft genug. Das exotische Baumaterial – statt Kalksteinquadern wurden in Ravenna meist Ziegel verbaut – trägt im Untergeschoss mit seinen Nischen und Rundbögen eindeutig römische Stilmerkmale. Doch warum ist der Bau zehneckig? Stehen die zehn Ecken nicht in einem merkwürdigen Kontrast zu den zwölf Henkeln auf dem Dach, so dass das Gebäude aus den meisten Perspektiven asymmetrisch wirkt?
Im Inneren gleicht der Grundriss im Erdgeschoss einem Kreuz mit gleich langen Armen. Einige Forscher haben daher vermutet, dass in der Mitte der Sarg Theoderichs gestanden habe und die Arme als Grabstellen für Familienangehörige gedacht waren. Die meisten gehen aber davon aus, dass Theoderich seine letzte Ruhestätte im Obergeschoss gefunden habe.
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Als Argument dafür ist unter anderem gedeutet worden, dass nach Berichten aus dem 16. und 17. Jahrhundert einst ein Figurenmosaik den Fußboden schmückte. Von welchem Stockwerk berichtet wird, geht aus den Texten nicht ganz eindeutig hervor, aber Skizzen weisen darauf hin, dass das Untergeschoss in jenen Jahrhunderten im Schlamm versunken war, weshalb davon ausgegangen wird, dass sich der prächtige Fußboden im Obergeschoss befunden haben muss, ergo auch dort die Grabkammer gelegen habe. Die Krux an der Sache: Weder im Unter- noch im Obergeschoss ist der originale Fußboden erhalten geblieben, was die Überzeugungskraft dieses Arguments einschränkt.
Als weiterer Hinweis darauf, dass sich die Grabkammer oben befunden haben müsse, ist angeführt worden, dass der Bau in schwierigem, sumpfigem Gelände vor den Toren der Stadt errichtet wurde, in einer als Grabstätte genutzten Gegend, womöglich auf einem gotischen Friedhof. Das Untergeschoss wäre demnach ein Unterbau gewesen, der dem Schutz des eigentlichen Grabes bei Überschwemmungen dienen sollte.
Ließen sich die Baumeister in Konstantinopel inspirieren?
Klar ist: Das obere Geschoss hebt sich schon auf den ersten Blick deutlich vom unteren ab. Es ist um 1,30 Meter zurückversetzt, so dass sich ein Umgang ergibt. Nur bis zur Oberkante der Tür, die sich direkt über jener des Untergeschosses befindet, wird die Zehneckigkeit aufrechterhalten, darüber ist das Mauerwerk rund. Gegenüber der Tür befindet sich eine kleine Apsis (halbkreisförmiger Raumteil), was dazu führt, dass sich im Innenraum gegenüber der Tür eine Nische befindet – die nach Ansicht mancher Forscher jedoch nachträglich hinzugefügt wurde.
Von außen wirkt die Gestaltung des Obergeschosses, vom Zangenfries am Gesims abgesehen, auf den ersten Blick karg. Aber war sie das immer? Möglicherweise wurden im Lauf der Jahrhunderte Dekorationselemente wieder entfernt, oder aber es wurden weitere Elemente geplant, aber nicht umgesetzt – falls man davon ausgeht, dass der Bau tatsächlich nicht fertig- gestellt wurde. An Überlegungen, wie er ausgesehen haben könnte oder aussehen sollte, mangelt es derweil nicht. Diese reichen von einer gedeckten, säulengestützten Galerie, über Nischen mit Statuen und Marmorgitter bis hin zu einem Bronzegeländer, ja gar demselben, das sich heute – von niemand Geringerem als Karl dem Großen aus Ravenna dorthin gebracht – im Aachener Dom befindet.
Der deutliche stilistische Kontrast zwischen Ober- und Untergeschoss ist – neben dem Monolithen – das vielleicht größte Rätsel des Bauwerks, auch weil sich dadurch mögliche Rückschlüsse auf die Baugeschichte ergeben – nur welche? Baute Theoderich sein Grabmal auf den Ruinen eines älteren, römischen Gebäudes? Wurde ein halbfertiger römischer Bau von einem gotischen Baumeister ergänzt? Wurde ein römischer Baumeister im Lauf des Projektes von einem gotischen Architekten abgelöst? Und falls ja: warum? Und warum brach der neue Architekt mit den Plänen des ersten Baumeisters – aber dann eben doch nicht so radikal, indem er das Untergeschoss unverändert stehen ließ? Und wie sahen in diesem Fall die ursprünglichen Pläne aus?
Der dänische Architekturhistoriker Ejnar Dyggve hat vermutet, dass ursprünglich gar kein Monolith als Dachbedeckung vorgesehen war und stattdessen eine Kuppel ähnlich jener der wenig später errichteten Hagia Sophia in Konstantinopel geplant gewesen sei. Byzantinische Elemente vermuten auch jene, die das Grabmal von jenem Konstantins des Großen inspiriert sahen, und ganz von der Hand zu weisen ist die Möglichkeit, dass der Architekt und Theoderich sich von Gebäuden der oströmischen Metropole inspirieren ließen, sicher nicht. Immerhin hatte der Gotenkönig einen großen Teil seiner Jugendjahre ebendort verbracht.
Erst Geisel, später zupackender Gestalter einer eigenen Herrschaft
Seit dem 4. Jahrhundert waren die Goten, deren frühe Siedlungsgebiete zwischen Dnjepr und Schwarzem sowie Asowschem Meer vermutet werden, durch Vorstöße der Hunnen unter Druck geraten. Einige Gruppen wurden verdrängt und suchten als sogenannte Föderaten den Anschluss ans Römische Reich. Andere gerieten unter hunnische Vorherrschaft. Die Folge: Als sich im Jahr 451 römische Verbände unter Flavius Aëtius und Attilas Hunnen auf den Katalaunischen Feldern gegenüberstanden, waren gotische Truppenteile in den Schlachtreihen beider Armeen zu finden.
Während das Schicksal der Westgoten durch ihre Nähe zum Römischen Reich seit dem 4. Jahrhundert einigermaßen verlässlich dokumentiert ist, ist über die ostgotischen Gruppen bis zu dieser Schlacht wenig bekannt. Als gesichert darf hingegen gelten, dass sich der Großteil der Ostgoten nach dem Tod Attilas 453 unter der Führung Valamirs aus dem Geschlecht der Amaler versammelte. Valamir schloss ein Föderaten-Abkommen mit dem Römischen Reich, zeigte sich jedoch schnell unzufrieden mit den Geldzahlungen, die von dort kamen.
Als es eine neue Regelung auszuhandeln galt, wurde sein junger Neffe zur Absicherung des Vertrages als Geisel an den Hof in Konstantinopel übergeben: Der junge Theoderich, Sohn von Valamirs Bruder Thiudimir, verbrachte den größten Teil seiner Jugendjahre am Kaiserhof. Dort erhielt er eine exzellente Ausbildung und lernte früh die Gepflogenheiten und Fallstricke römischer Politik kennen.
Im Jahr 469 wurde Theoderich aus der Geiselhaft entlassen – und übernahm schnell die Führung über eine Gruppe gotischer Krieger, die sich auf einen Feldzug gegen die Sarmaten begab. Später unterstellte sich die Gruppe dem Kaiser Zenon (474/476 – 491) und wurde unter anderem eingesetzt, um gegen eine andere gotische Gruppe unter Theoderich Strabo vorzugehen. Doch lange gelang es Theoderich nicht, seinen Kriegern und ihren Familien eine dauerhaft gesicherte Existenz zu gewährleisten. Erst Ende der 480er Jahre bot sich hierzu eine Gelegenheit.
Wenige Jahre zuvor, im Jahr 476, hatte ein Offizier germanischer Herrschaft mit Namen Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustus abgesetzt und als Heerkönig die Herrschaft auf der italienischen Halbinsel an sich gerissen. Odoaker erwies Zenon seine Referenz, indem er sich formal diesem unterstellte, doch das Verhältnis blieb angespannt – bis Zenon schließlich Theoderichs Armee, in deren Reihen neben Ostgoten auch viele Rugier, Heruler und Mitglieder anderer Volksgruppen zu finden waren, mit der Beseitigung Odoakers beauftragte – womöglich auf Theoderichs eigenen Vorschlag hin.
Von der Aussicht motiviert, eine selbständigere, von Ostrom unabhängigere Existenz in einem immer noch sehr wohlhabenden Land aufzubauen, machte sich Theoderichs Gruppe auf den Weg – und brachte Odoaker schnell in Bedrängnis. Bald zog sich dieser nach Ravenna zurück. Die effektive Belagerung der in einer Lagune gelegenen Stadt fiel Theoderich mangels einer Flotte schwer. Im Februar 493 vermittelte jedoch Bischof Johannes einen Waffenstillstand. Am 5. März wurden die Tore der Stadt geöffnet. Zehn Tage darauf lud Theoderich seinen Kontrahenten zum Gastmahl – und ermordete ihn eigenhändig.
Der neue Herrscher Italiens ging nun hart gegen die germanischen Anhänger Odoakers vor, nicht jedoch gegen die römischen, auf deren Kenntnisse und Fähigkeiten er bei der Regierung seines neuen Reiches angewiesen war. Denn Theoderich ließ sich zwar kurz nach der Eroberung Ravennas von seinen gotischen Kriegern zum König ausrufen, doch regierte er nicht als Monarch der Goten, sondern als Herrscher über Goten und Römer.
Die noch vorhandenen Verwaltungsstrukturen des alten Weströmischen Reiches übernahm Theoderich fast vollständig. Mit den Anpassungen, die nötig waren, um die friedliche Koexistenz von Goten und Römern zu regeln, beauftragte er den Senator Petrus Marcellinus Felix Liberius, der einer alten stadtrömischen Familie entstammte und für sein geschicktes Vorgehen in der Folge viel Lob erhielt.
Sein oberstes Ziel: friedliches Zusammenleben mit den Römern
Zum Grundsatz von Theoderichs Herrschaft wurde die civilitas, das friedliche Zusammenleben, die Wahrung und der Erhalt von Ordnung und Gesetzen. Bedingung dafür war ein funktionierendes Gerichtswesen. Vor allem galt es zu vermeiden, dass Untertanen das Recht selbst in die Hand nahmen. So erinnerte Theoderich seine gotischen Dienstleute daran: „Bei einem Streitfall soll das Recht wirksam sein, nicht der Arm. Warum sollten diejenigen, die nachweislich das Gericht zur Stelle haben, Gewalttätigkeit vorziehen?“
Stand das friedliche Zusammenleben von Goten und Römern ganz oben auf Theoderichs Agenda, so strebte er jedoch keine Verschmelzung der Bevölkerungsgruppen an: Ehen zwischen Römern und Goten waren verboten.
Goten wurden auch nicht überall im Reich angesiedelt, sondern vor allem dort, wo Gefahr von außen drohte: vor allem im Norden der Halbinsel. Die Aufgabenverteilung zwischen Goten und Römern beschrieb Theoderich seinem Quästor (dem für den Schriftverkehr zuständigen Hofbeamten) Cassiodor zufolge mit den Worten: „Dum belligerat Gothorum exercitus, sit in pace Romanus“ – Während das Gotenheer Krieg führt, lebt der Römer in Frieden.
Vom Respekt für alte Traditionen zeugt auch Theoderichs Besuch in Rom im Jahr 500: Mit kaiserlichen Ehren wurde der Gotenkönig, der selbst Arianer (also in den Augen der katholischen Kirche ein Häretiker) war, von Papst Symmachus (498 –514) begrüßt. Anschließend besuchte er die Peterskirche und hielt eine Rede vor dem in der Curia versammelten Senat. Mit einer weiteren Rede wandte er sich an das Volk und versprach, die Anordnungen der alten Kaiser zu bewahren.
Ein halbes Jahr lang blieb Theoderich in Rom und gebärdete sich dabei ganz wie ein Kaiser: Er schenkte den Armen Getreide, ließ Wagenrennen veranstalten und stellte Mittel für Baumaßnahmen wie die Reparatur der Stadtmauer, die Sanierung des Kaiserpalastes, aber auch der Wasserleitungen zur Verfügung. Und er zeigte sich bemüht um gute Beziehungen zu den alteingesessenen Senatorenfamilien.
In Kirchenangelegenheiten mischte sich der Gote ungern ein – auch wenn dies nicht immer zu vermeiden war. Als es 498 beim Konklave zu einer Doppelwahl kam, entschied Theoderich nach formalen Kriterien zugunsten von Symmachus – und verärgerte so die Anhänger von dessen Konkurrenten Laurentius. Spannungen zwischen der katholischen Mehrheit und den arianischen Goten scheinen jedoch eher selten gewesen zu sein.
Ordnete Theoderich ob dieser Herrschaftspraxis vielleicht bewusst an, dass in seinem Grabmal römische wie gotische Elemente friedlich vereint werden sollten? Restlos klären lässt sich diese Frage nicht. Nach dem Tod des Herrschers war es jedenfalls rasch wieder vorbei mit der Harmonie. Theoderich selbst wurde zur Zielscheibe antiarianischer Autoren. Für das 9. Jahrhundert berichtet Andrea Agnellus, dass die Porphyrwanne, in die Theoderichs sterbliche Überreste einst gebettet worden waren, nun leer vor dem inzwischen neben dem Grabmal erbauten Marienkloster stehe.
Das Mausoleum selbst verfiel im Lauf der Zeit. Erst im 18. Jahrhundert wurden Maßnahmen zum Erhalt getroffen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts Ausgrabungen mit wissenschaftlichem Anspruch unternommen. Viele Forscher haben sich seitdem mit Theoderichs Bau beschäftigt, ohne definitive Antworten auf die zahlreichen Fragen zu finden, die er aufwirft.
Fest steht: Das Mausoleum des Theoderich in Ravenna ist einzigartig. Es gibt kein zweites Bauwerk seiner Art. Gleichzeitig ist das Unikat Zeugnis einer Zeit, in der das alte Reich der Römer einerseits noch sehr präsent war und andererseits doch langsam, aber sicher verschwand.
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