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Das Regime der Kollaborateure
Im nicht von den Deutschen besetzten Teil Frankreichs schwang sich Philippe Pétain zum Staatsoberhaupt auf mit Regierungssitz im Kurort Vichy. Das Regime des „État français“ radikalisierte sich im Laufe des Kriegs immer weiter und setzte ganz auf die Kollaboration mit Hitler.
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In den frühen Morgenstunden des 23. Juni 1940 besichtigte eine ungewöhnliche Reisegruppe Paris. Adolf Hitler war um vier Uhr nachts mit dem Flieger vom Führerhauptquartier „Wolfsschlucht“ in Belgien aufgebrochen und tourte durch die Hauptstadt des Feindes: Opéra Garnier, Madeleine-Kirche, Triumphbogen und Eiffelturm, ein kurzes Innehalten vor dem Sarg Napoleons im Invalidendom und Besuch von Sacré-Cœur auf dem Montmartre. Am Mittag war Hitler wieder zurück in seinem Hauptquartier.
Die Situation Frankreichs im Sommer 1940 war katastrophal. Paris war bei Hitlers Besuch menschenleer, und das nicht nur wegen der frühen Uhrzeit: Das schnelle Vorrücken der Wehrmacht seit dem Beginn der Offensive am 10. Mai hatte eine chaotische Fluchtbewegung aus Belgien, Nordfrankreich und dem Großraum Paris nach Westen und Süden ausgelöst: Millionen von Menschen waren auf der Flucht.
In dieser Situation war am Vortag von Hitlers Besuch ein Waffenstillstand geschlossen worden, die hier vereinbarte Aufteilung Frankreichs mit einem selbstverwalteten Teil im Süden kam den Plänen der Deutschen entgegen. Das gesamte Land direkt zu verwalten, hätte viel Militär gebunden. Nun stand der französische Staat selbst in der Pflicht, und die Besatzer konnten sich auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren: die eigene Sicherheit zu gewährleisten, deutsche Interessen durchzusetzen, Frankreich wirtschaftlich auszubeuten und die Kanal- und Atlantikküste militärisch auszubauen. Etwa 21 000 Beamte, Offiziere und Soldaten sowie Feldgendarmen genügten, um die französische Verwaltung zu kontrollieren und zentrale Infrastrukturen zu sichern. Später kamen noch bis zu 3000 Mann von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (Sipo-SD, oft weiter Gestapo genannt) hinzu.
Abgesehen davon waren seit 1940 Kampfeinheiten mit einer Truppenstärke von 400 000 bis 500 000 Mann im besetzten Teil Frankreichs stationiert, nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 meist im Rahmen einer Rotation mit den Einheiten an der Ostfront – eine willkommene Abwechslung für die Soldaten. Als Frankreich wieder Kampfgebiet wurde, stieg die Stärke der deutschen Truppen bis 1944 auf 1,5 Millionen Mann.
Pierre Laval wird zur Nummer zwei im Staat
Das mit allen Vollmachten ausgestattete Staatsoberhaupt Marschall Philippe Pétain führte bis 1942 auch die Regierung des État français mit Sitz in Vichy an. Das Tagesgeschäft erledigten jedoch die Vizeregierungschefs. Beim neuen Führungspersonal war von der angestrebten „Erneuerung“ nicht viel zu spüren: In der zweiten Jahreshälfte 1940 etablierte Pierre Laval das Regime. Der ehemalige Sozialist, der zum konservativen Republikaner und schließlich zum rechtsextremen Populisten mutiert war, hatte in den 1930er Jahren zwei Mitte-Rechts-Regierungen geleitet. Nach Laval sprang für wenige Wochen Pierre-Étienne Flandin ein, ein Liberalkonservativer, der in der Zwischenkriegszeit vielfach Minister gewesen war.
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Seit Februar 1941 führte dann Admiral François Darlan die Regierungsgeschäfte. Doch der Karriereoffizier und designierte Nachfolger des greisen Pétain scheiterte auf ganzer Linie. Die Besatzer forderten die Rückkehr Lavals, für den im April 1942 eigens das Amt des Regierungschefs geschaffen wurde, Pétain blieb Staatsoberhaupt. Auch auf der mittleren Ebene dominierten rechte Politiker, Technokraten und Militärs. Die Politik wurde primär von Laval und Darlan bestimmt, Pétain blieb aber immer die Inkarnation der neuen Ordnung.
Das Vichy-Regime war eine autoritäre Diktatur, aber nicht Herr im eigenen Haus. Der Waffenstillstandsvertrag sah eine Aufteilung Frankreichs entlang einer Demarkationslinie vor, die von deutschen Truppen bewacht wurde und nur mit einem Ausweis überquert werden konnte. Der Norden und Westen (rund 60 Prozent des französischen Staatsgebiets, darunter wichtige Industriezentren und Paris) standen unter deutscher Besatzung. Kleine Gebiete an der Grenze zu Italien ließ Mussolini besetzen.
Ohne die Gegenzeichnung des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich (MBF) galten die Verordnungen der Vichy-Regierung im Norden nicht. Die Generäle Otto von Stülpnagel und sein Nachfolger Carl-Heinrich von Stülpnagel residierten als MBF im Pariser Hotel „Majestic“. Sie kontrollierten von dort Nordfrankreich. Seit 23. Juli 1944 hatte Karl Kitzinger das Amt noch für kurze Zeit inne.
Für die Kosten der Besatzung müssen die Franzosen aufkommen
Das besetzte Gebiet und der Großraum Paris waren übersät mit deutschen militärischen, zivilen und Parteidienststellen. Deutsche Unternehmen, die an der Ausbeutung der französischen Wirtschaft und an den Bauaufträgen etwa für den Atlantikwall teilhaben wollten, ließen nicht lange auf sich warten. Die immensen Kosten des deutschen Apparats wurden dem französischen Volk auferlegt: Die Besetzten zahlten für ihre eigene Besatzung.
In der „freien Zone“ im Süden Frankreichs übte die französische Regierung allein die Staatsgewalt aus. Doch bei allen politischen Entscheidungen musste sie die Interessen der Besatzer im Blick behalten, die unter anderem durch den deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz, vertreten wurden.
Das Elsass und ein Teil Lothringens wurden als sogenannte Zivilverwaltungsgebiete faktisch von NS-Deutschland annektiert. Die beiden Nachbargaue Baden und Westmark betrieben dort eine radikale Germanisierungspolitik. Einschneidend war dabei neben der harschen politischen Repression vor allem die Einziehung der Elsässer und Lothringer zum Kriegsdienst in der Wehrmacht. Viele kamen von der Ostfront nicht lebend zurück.
Eine sogenannte Verbotszone im Westen Frankreichs und in Ostbelgien war langfristig als agrarisches Puffergebiet vorgesehen, vor allem in den Ardennen sollten gezielt deutsche Bauern angesiedelt werden. Zu einer 20 bis 30 Kilometer breiten Verbotszone an den Küsten war der Zugang beschränkt, Fischerei und Schifffahrt wurden kontrolliert, und die deutschen Truppen hatten Sonderrechte.
Waffenstillstand und Besatzung bedeuteten nicht das Ende der kriegerischen Gewalt. Das französische Militär hatte schwere Verluste während des Westfeldzugs (76 000 der insgesamt rund 195 000 Gefallenen) erlitten, die meisten französischen Soldaten starben jedoch nach dem Waffenstillstand: in deutscher Kriegsgefangenschaft, als elsässische Zwangsverpflichtete, bei der Befreiung sowie an Kriegsschauplätzen in den Kolonien und in Italien. Bei den Zivilisten forderte das Jahr 1944 den höchsten Blutzoll. Die größte Gruppe stellten die Opfer alliierter Bombardements (50 000 bis 70 000 Tote), gefolgt von den Opfern von Internierung, Massakern und summarischen Erschießungen (7000 bis 12 000) sowie Geiselerschießungen (3700) durch die deutschen Besatzer. Der Holocaust forderte 76 000 jüdische Opfer in deutschen Vernichtungslagern. 36 000 deportierte Franzosen starben in den Konzentrationslagern (vor allem politische Häftlinge) und 40 000 französische Zwangsarbeiter außerhalb ihres Heimatlands.
Abrechnung mit den politischen Gegnern
Obwohl die territoriale Souveränität der Regierung in Vichy und der Ministerien in Paris eingeschränkt war, handelte es sich am Anfang keineswegs um eine Marionettenregierung. Sie kontrollierte den französischen Verwaltungsapparat und nutzte ihre Macht, um Staat und Gesellschaft entsprechend ihren weltanschaulichen Überzeugungen umzubauen. Die Selbstverwaltung der Kommunen wurde abgeschafft. Pressezensur, Propaganda und polizeiliche Repression sicherten das Regime ab, während die neuen Machthaber mit ihren innenpolitischen Gegnern abrechneten.
Gesellschaftspolitisch strebte die neue Regierung nach der „Nationalen Revolution“. Die Errungenschaften der Volksfrontregierung von 1936 sollten rückgängig gemacht werden (etwa der gesetzliche Urlaubsanspruch und die 40-Stunden-Woche). Die republikanische Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde ersetzt durch „Arbeit, Familie, Vaterland“. Nicht der freie Staatsbürger war das Ideal, sondern Gehorsam und Unterwerfung unter die Zwecke der nationalen Gemeinschaft, die von den Eliten bestimmt wurden.
Darauf wurden Schul- und Jugendpolitik, Kultur und Propaganda ausgerichtet. Der Wirtschaft wurde ein korporatistisches Modell übergestülpt: Die Gewerkschaften wurden verboten, Branchenverbände dienten angeblich dem Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, vor allem aber der Kontrolle.
Anfangs konnte Pétain auf Akzeptanz in der Bevölkerung bauen. Viele waren schlicht erleichtert, dass die Kämpfe vorbei waren, und setzten große Hoffnungen auf den Marschall. Doch die Erleichterung verflog, was blieb, waren Alltagssorgen und eine generelle Verunsicherung angesichts der wechselhaften Kriegslage: Es galt abzuwarten, welchen Platz Frankreich in einem von Deutschland beherrschten Europa einnehmen würde oder ob am Ende doch die Alliierten siegten.
Pétain und Laval setzten klar auf Kollaboration, die freiwillige Zusammenarbeit mit NS-Deutschland. Als Partner des künftigen Siegers hoffte man, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Von Beginn an gab sich Pétain der Illusion hin, ein Ausgleich mit den Deutschen sei möglich. „Sie haben große Achtung vor mir“, soll er 1940 über die Gegner gesagt haben. Doch Pétain mangelte es an Verständnis für die Natur des Nationalsozialismus und die Ziele Hitlers.
Am 24. Oktober 1940 sprachen Pétain und Hitler bei dem berühmten Treffen von Montoire allgemein über ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Art und Umfang wurden im Besatzungsalltag ausgehandelt – in dem die Besatzer alle Trümpfe in der Hand hielten.
Deutschland beutet das Nachbarland aus
Kollaboration bedeutete vor allem: den Forderungen der Besatzer nach Industriewaren, landwirtschaftlichen Produkten und Arbeitskräften für die deutsche Kriegswirtschaft nachzukommen. Frankreich wurde zum Selbstbedienungsladen, erst durch wilde Plünderungen, danach bürokratisch korrekt.
Dabei finanzierten die Franzosen ihre eigene Ausbeutung. Der Großteil der landwirtschaftlichen Produktion wurde nach Deutschland geschafft, was massive Versorgungsprobleme nach sich zog. Der massenhafte Kunstraub durch Hermann Göring und den „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, die um die schönsten Stücke konkurrierten, war nur die Spitze des Eisbergs.
Den deutschen Arbeitskräftebedarf deckten zunächst die französischen Kriegsgefangenen. Rund eine Million Männer blieben bis 1944 im Deutschen Reich, wo sie in Industrie, Landwirtschaft und Kleingewerbe eingesetzt wurden. Weitere Arbeitskräfte gewann man zunächst als freiwillige Vertragsarbeiter (rund 70 000). Die deutschen Forderungen waren aber viel höher, deshalb führte Vichy Anfang 1943 die Arbeitsdienstpflicht ein: Über 600 000 Franzosen wurden zur Arbeit in Deutschland gezwungen.
Außenpolitisch stand die Regierung vor einem Dilemma. Anfangs blieb man demonstrativ neutral. Doch gab es viele Kontaktzonen mit dem Krieg, so kämpften die Soldaten Vichys in den Kolonien offen gegen die Briten und ihre Alliierten (etwa 1941 in Syrien, seit November 1942 in Nordafrika).
Kriegseintritt auf deutscher Seite?
In der ersten Jahreshälfte 1941 hoffte man sogar, aus der Rolle des Besiegten herauszukommen, indem man sich NS-Deutschland als Juniorpartner andiente. Im Juli verhandelten französische Diplomaten vergeblich mit Berlin über eine Allianz – gegen die öffentliche Meinung in Frankreich. Ein Kriegseintritt Frankreichs, eines geschwächten und aus deutscher Sicht unzuverlässigen Landes, war für Hitler freilich nicht interessant. Das im Waffenstillstandsvertrag angelegte Gefälle zwischen Sieger und Besiegtem entsprach eher deutschen Interessen. Die Kollaboration der ersten Jahre war eine französische Selbsttäuschung.
Die Monate zwischen Mitte 1942 und Mitte 1943 markierten in vielerlei Hinsicht eine Wende. Razzien gegen Jüdinnen und Juden und deren Deportation in die Vernichtungslager im Osten, immer häufigere Geiselerschießungen, die verstärkte Zusammenarbeit von französischer Polizei und Sipo-SD seit Juli 1942, die Intensivierung des Terrors, die Einführung des Arbeitsdienstes und die Entwicklung der Kriegslage entfremdeten die Bevölkerung dem Regime. Gerade junge Arbeitsdienstpflichtige widersetzten sich seit 1943 massenhaft und gingen in den Untergrund.
Seit 8. November 1942 änderte sich auch die strategische Lage grundlegend. Bei der Operation „Torch“ landeten Amerikaner und Briten in Algerien und Marokko, von wo aus sie direkt die französische Mittelmeerküste und Italien bedrohten. Als Reaktion besetzte die Wehrmacht am 11. November die „freie Zone“ im Süden, Italien das Gebiet von der Grenze bei Genf bis Toulon. Das Regime verlor das letzte Bisschen territorialer Souveränität, auch wenn Verwaltungsapparat und Unterdrückungsmaschinerie weiter funktionierten.
Je mehr Vichy die Kontrolle verlor, desto stärker radikalisierte sich das Regime, getrieben von einer Gruppe von Ultrakollaborateuren, die bereit waren, für einen deutschen Sieg alles zu tun. Sie waren motiviert von tiefsitzendem Antisemitismus, Antibolschewismus und Antiamerikanismus. Anfang 1943 gründete der rechtsextreme Politiker Aimé-Joseph Darnand die Milice française, die schnell zu einem Instrument des Terrors nach deutschem Vorbild wurde.
Im Januar 1944 übernahm Darnand auch die Kontrolle über die französischen Sicherheitsbehörden. Damit setzten sich endgültig Kräfte durch, die das Regime auf Faschismus trimmten. Besonders die Miliz tat sich durch Gewalt und Folter bei der Widerstandsbekämpfung und durch Repressalien gegen das eigene Volk hervor.
Die Vichy-Regierung wird nach Sigmaringen evakuiert
Mit den Landungen der Alliierten in der Normandie (6. Juni 1944) und der Provence (15. August 1944) schrumpfte das von der Wehrmacht kontrollierte Gebiet immer weiter, und damit das Gebiet, in dem Vichy noch „regieren“ durfte. Im September verfrachteten deutsche Truppen Pétain und Laval, die unter Protest zurücktraten, nach Sigmaringen, dazu weitere Führungsfiguren und über 1000 Mitarbeiter und Milizionäre. Eine kleine Gruppe von Unverbesserlichen hielt im südwestdeutschen Exil bis zuletzt die Illusion einer Kollaborationsregierung aufrecht und rief sogar zur „Befreiung“ Frankreichs von den Truppen de Gaulles auf.
Das Vichy-Regime war kein Unfall der Geschichte. Seine Grundlagen wurden in der politischen Polarisierung der 1930er Jahre gelegt. Die Niederlage bot die Gelegenheit, mit den Werten der Französischen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 und mit der Dritten Republik zu brechen. Der Preis der „Nationalen Revolution“ war die Unterstützung der Kriegsanstrengungen und der Vernichtungspolitik NS-Deutschlands. „Vichy“ blieb lange Zeit eine Chiffre für die Spaltung der französischen Gesellschaft, denn 1944 siegte das Frankreich Charles de Gaulles und der Résistance über das andere Frankreich, das Frankreich Pétains und Lavals.
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